Eine (ständig aktualisierte) Reihe von Kurzkritiken (und Links zu anderswo veröffentlichen Langkritiken) zum Fantasy Filmfest 2012:

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Excision (Richard Bates Jr., USA 2012)
8/10 Punkte
Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB / Trailer

Excision ist das, was ich ein „trojanisches Pferd“ nenne. Er tut so, als ob er ein Horrorfilm sei, um das entsprechende Publikum ins Kino zu locken, erfüllt auch brav die nötigsten Genre-Konventionen (d.h. er liefert Blut und Gewalt), kidnappt seine Zuschauer aber dann und entführt sie unter dem Deckmantel des Horrorgenres in die Tiefe der Kunst.

Pauline (AnnaLynne McCord) ist eine Außenseiterin – in der High School, in der Familie, im Leben. Sie ist die sadistische, psychisch gestörte Variante von Daria. Sie hat blutige Sex-Fantasien, ein ungesundes Interesse an Amateur-Chirurgie und einen Blick, der einem das Fürchten lehrt.

Excision ist von äußerst schwarzem Humor geprägt, gestattet Trash-Legende John Waters einen absurden Gastauftritt und weiß sein eher begrenztes Budget maximal effektiv einzusetzen. Für opulent-surreale Bilder braucht dieser Film nicht mehr als eine himmelblaue Wand, ein paar weiße Kleider und viel Kunstblut.

Die größte Stärke von Excision besteht aber in der Tiefgründigkeit seiner sozialen Analyse. Der wahre Horror besteht hier nicht aus Paulines soziopathischem Verhalten, sondern aus ihrer verbitterten Mutter und ihrem emotional abwesenden Vater. Zudem glorifiziert der Film Paulines Außenseitertum nicht, sondern zeigt, wie sie trotz des nach außen getragenen Stolzes innerlich unter ihrer Andersartigkeit leidet – und wie es sie zerreißt, einerseits ihre coole Nonchalance wahren zu müssen und sich gleichzeitig dafür zu hassen, ihre Liebe zu Schwester und Eltern nicht zeigen zu können. Je länger der Film andauert, desto mehr rückt statt der Horror-Elemente das Leiden an der emotionalen Kälte in den Vordergrund – der eigenen und der des Umfelds.

Zudem gelingt Excision eine Selbstbeschränkung, wie sie nur wenige Filme schaffen: Trotz eines Überflusses an narrativen und stilistischen Ideen endet das Spielfilm-Debüt von Regisseur Richard Bates Jr. im exakt richtigen Moment mit dem exakt richtigen Bild.

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Sightseers (Ben Wheatley, Großbritannien 2012)
7/10 Punkte
Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB

2011 war auf dem Fantasy Filmfest Kill List von Ben Wheatley zu sehen – ein großer internationaler Überraschungserfolg, der den Regisseur bekannt machte (den ich allerdings, wie in meiner Kritik beschrieben, als zu willkürlich und plagiarisierend empfand). Ein Jahr nach diesem Thrillerdrama kehrt Wheatley nun mit einer schwarzen Road-Movie-Komödie über ein Durchschnittspaar zurück, das im Urlaub seine Freude am Morden entdeckt.

Diese Idee ist beileibe nicht neu, aber Sightseers fügt dem Genre ein paar schön makabere Witze hinzu. Der Film ist vergnüglich und gerade am Anfang wunderbar satirisch inszeniert, bleibt aber letztlich substanzlos. Das vom Comedy-Duo und Hauptdarsteller-Paar Alice Lowe und Steve Oram geschriebene Drehbuch wirkt eher wie Stand-up-Comedy als wie ein Filmskript. Die Handlung springt von Mord zu Mord, von Witz zu Witz, schafft aber zu wenig Verbindungen dazwischen, sodass eine bloße Aufreihung von amüsanten Szenen entsteht.

Und wenn der Film auch als unkonventionell vermarktet wird: Innerhalb des Fantasy Filmfests ist Sightseers mit seinem Galgenhumor und seinen Gore-Elementen geradezu ein Crowd Pleaser. Nischen-Mainstream sozusagen.

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Violet & Daisy (Geoffrey Fletcher, USA 2011)
7/10 Punkte
Meine Kritik auf Critic
Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB

Kleider machen Leute. Deshalb wollen die Teenie-Mädchen Violet (Alexis Bledel) und Daisy (Saoirse Ronan) unbedingt das neue Kleid aus der Kollektion ihrer Lieblingssängerin haben. Sie morden sogar dafür, schließlich sind sie Profikillerinnen. Violet & Daisy nutzt genau diesen Kontrast aus mädchenhaft-naivem Verhalten und eiskalten Auftragsmorden für seinen ziemlich schwarzen Humor, der in einem grandiosen „Internal Bleeding Dance“ kulminiert.

Doch aus der morbiden Komödie wird nach und nach ein Kammerspiel-Drama, wenn Violet und Daisy auf einen alten Mann (Sopranos-Star James Gandolfini) treffen, den sie umbringen sollen, aber nicht können, weil er einfach zu liebenswürdig ist. Dieser versuchte Sprung vom Komischen zum Tragischen missglückt, weil das Regie-Debüt von Precious-Autor Geoffrey Fletcher dabei immer sentimentaler wird.

Solange Violet & Daisy sich als schwarze Komödie versteht, ist er stark und voller Witz. Doch je mehr aus dem Aufeinandertreffen von sterbewilligem Opfer und tötungsunwilligen Tätern eine introspektive Therapiesitzung wird, desto konventioneller und prüder zeigt sich dieser auf den ersten Blick so schräge Film.

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Beast (Christoffer Boe, Dänemark 2011)
7/10 Punkte
Meine Kritiken auf Critic und Kino-Zeit
Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB / Trailer

Ein Mann wird aus Liebe zur Bestie. Seine Liebe entwickelt sich zur Obsession, sie lässt ihn immer mehr die Kontrolle über sich verlieren und bringt ihn letztlich sogar ins Krankenhaus, wenn sich das psychische Leid des Liebesverlusts in physischem Leid, in Body Horror, manifestiert.

Anhand von Bruno, einem massiven „Problembären“ (wunderbar physisch dargestellt von Nicolas Bro), zeigt Beast die dunkle Seite der Liebe und hat dabei auch einige schöne stilistische Ideen – insbesondere die verkanteten Perspektiven, die visuell vermitteln, wie Brunos Welt aus dem Lot gerät.

Dass ich mich dennoch über den Film geärgert habe, liegt einerseits an seiner sinnlosen Einbindung grottiger CGI-Sequenzen, auf die ich allgemein allergisch bin – und vor allem an seiner impliziten Diffamierung von Tieren, worauf ich besonders allergisch bin (siehe meine Kritik zu Frozen vom Fantasy Filmfest 2010). Sieht man aber von solchen persönlichen Aversionen ab, ist Beast ein solider Arthouse-Horrorfilm.

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Martin Gobbin
www.critic.de/redaktion/martin-gobbin/
www.f-lm.de/author/martin/
www.imdb.com/mymovies/list?l=39827885

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