2009 lief in Cannes ein Film, den ich nach wie vor für eines der wichtigsten Werke der letzten fünf Jahre halte. Natürlich kam dieser grandiose Film, Dogtooth von Giorgos Lanthimos, in Deutschland nicht ins Kino. Ab dem 14.6. dieses Jahres ist nun aber seine nachfolgende Arbeit in den deutschen Kinos zu sehen: Alpen.

Alpen (OT: Alpeis)
Giorgos Lanthimos
Griechenland, 2011
8/10 Punkte
IMDB: Alpen

Kurz & Knapp:
Eine Gruppe von vier Menschen, die sich 'Alpen' nennen, kümmern sich aufopferungsvoll um die trauernden Hinterbliebenen von kurz zuvor Verstorbenen. Doch was die Alpen dabei wirklich im Schilde führen, ist der Gipfel.

Immerhin: Mit drei Jahren Verspätung ist nun auch die – den Entwicklungen des Weltkinos notorisch hinterher hinkende – deutsche Kinolandschaft auf die neue Welle griechischer Filme aufmerksam geworden. 2009 hatte Giorgos Lanthimos sein Land mit der ebenso perfiden wie intelligenten Parabel Dogtooth wieder auf der cineastischen Weltkarte sichtbar gemacht. Diese auch als politische Dystopie lesbare Groteske über die Erstickungspotentiale elterlicher Liebe, die in Isolationshaft und propagandistischer Manipulation endet, räumte in Cannes, Stockholm und bei zahlreichen weiteren Festivals Preise ab, kam in fast jeder Jahresbestenliste vor und fand dennoch in Deutschland keinen Verleih. 2010 überzeugte Attenberg in Venedig – die von Teilen des Dogtooth-Teams produzierte absurde Komödie erreichte im Mai dieses Jahres auch endlich das deutsche Publikum. 2012 präsentierten die Festivals in Sundance und Rotterdam mit L wiederum eine bizarre Humoreske, an der erneut mehrere Personen aus dem Umfeld von Dogtooth und Attenberg beteiligt waren. Mit Alpen, dem neuen Film des Dogtooth-Regisseurs Giorgos Lanthimos, schließt sich nun der Kreis.

In Alpen sehen wir ein innerlich gebrochenes Ehepaar im Krankenhaus sitzen. Eine Pflegerin (Aggeliki Papoulia) weint mit den beiden, nachdem sie ihnen mitgeteilt hat, dass ihre jugendliche Tochter einen Autounfall nicht überlebt hat. Und dann folgt ein Angebot, das dem Zuschauer – der zu diesem Moment noch völlig im Unklaren ist über die Stoßrichtung des Films – den Boden unter den Füßen wegreißt: „Ich kann sie ersetzen.“ Und: „Die ersten vier Besuche sind kostenlos.“

Die Alpen sind der Gipfel! Angeführt von einem autoritären Führer, der sich Mont Blanc nennt, sucht diese Viererbande nach Trauernden, die vor kurzem einen geliebten Menschen verloren haben. Die emotionale Notlage der Hinterbliebenen nutzen die Gruppenmitglieder zur eigenen Bereicherung aus, indem sie die Toten darstellen, Schlüsselszenen reinszenieren sowie typische Handlungsweisen und Äußerungen der Verstorbenen einstudieren. Gegen Geld spenden sie Nähe und Trost und beuten so die psychische Labilität der Überlebenden gnadenlos aus. Doch als sich das Schauspiel der Reanimierung immer mehr mit dem eigenen Privatleben vermischt, kommen auch die psychischen Defekte der jungen Pflegerin ans Licht. Wann sie in und wann out of character ist, lässt sich nicht mehr eindeutig unterscheiden.

Mehr noch als seine Vorgänger aus der neuen griechischen Welle glänzt Alpen mit pechschwarzem Humor. In einer frühen Szene sehen wir, wie die Pflegerin einem nahezu komatösen Tennisstar einen Schläger in die Hand drückt, Bälle dagegen wirft und dabei mitunter die Patientin statt das Spielgerät trifft. Einer Turnerin ergeht es nicht viel besser – sie hat man falsch herum an den Ringen einer Sporthalle aufgehängt; aus dieser Position muss sie als Strafe einen vorgegebenen Text immer wieder aufsagen. Und kurz vor Schluss macht der Führer der Gruppe einen zunächst sinnlos anmutenden Test, ob sich ein weißer Stab urplötzlich blau oder rot verfärben kann. Ja, er kann – und zwar erneut über den Umweg bitterbösen Humors.

Die Komik von Alpen erwächst hauptsächlich aus dem Kontrast der nüchtern-ausdruckslosen Mimik der Figuren und ihrer hochgradig absurden Handlungen – sei es eine knochentrockene Bruce-Lee-Imitation mit Lippenstiftstrichen als blutigen Wunden, eine pflichtschuldig und vollkommen leidenschaftslos durchexerzierte Sexszene oder der Ausruf einer Blinden: „Geh mir aus dem Blickfeld!“ Zu dieser Mischung aus abnormem Verhalten und gleichzeitigem Stoizismus gesellen sich noch zahlreiche non-sequiturs hinzu, eine der Lieblingszutaten allen absurden Humors. Wie schon in Dogtooth erschafft Lanthimos so aus dem „Zwangsrealismus des Films“ (Maya Deren) heraus wundersamerweise eine surreale Welt.

Und ebenfalls wie in Dogtooth bricht zum Ende hin unvermittelt Gewalt aus und dient ein außer Kontrolle geratener Tanz als Ventil für seelischen Leidensdruck. Aus der anfänglichen schwarzen Komödie wird mehr und mehr ein Psychodrama, das auch vor Body-Horror-Elementen nicht zurückscheut.

Stilistisch ist Alpen etwas auffälliger als sein vor allem auf den Plot fixierter Vorgänger. Lanthimos bricht die satirische Grundhaltung des Films immer wieder mit zarten, allem Sarkasmus entledigten Bildern – so zum Beispiel, wenn zwei verliebte alte Menschen selig lächelnd im Bett liegen oder wenn die Pflegerin sich wunderbar unsicher einem jungen Mann nähert. Zwischendurch wird das Bild gelegentlich körnig wie bei altem Videomaterial oder die ganze Leinwand ist auf einmal von farbigem Licht erfüllt, weil Kameramann Christos Voudouris die Rücklichter eines Wagens durch die regennasse Frontscheibe eines zweiten Autos filmt und die reflektierten Strahlen dadurch verzerrt.

Den von André Bazin propagierten und von Orson Welles meisterhaft praktizierten Verlagerungen der Tiefenschärfe verweigert sich Lanthimos ebenso wie jeglicher extradiegetischer Musik. Letzteres lässt die handlungsimmanenten Lieder umso stärker wirken. Besonders irritierend erscheint zunächst die gezielt ausdruckslose Spielweise der Darsteller und das gekünstelte Aufsagen, ja Deklamieren der Dialoge. Tatsächlich aber unterstützt dieser Verfremdungseffekt nicht nur den bizarren Humor des Films, sondern auch seine surrealistische Entfernung von der Lebenswirklichkeit.

Nicht zuletzt schafft Lanthimos mit seiner Geschichte über die schauspielerische Repräsentation von Menschen und Momenten eine kluge Metapher über das Wesen des Films. Um uns abzulenken, um vor der Außenwelt zu fliehen, legen wir im Kinosaal alle Glaubwürdigkeitsbedenken ab (suspension of disbelief) und nehmen problemlos hin, dass eine Person vorgibt, jemand anderes zu sein, der sie ganz offensichtlich nicht ist. Diese Akzeptanz eines nackten Schwindels gelingt nur aufgrund unseres intensiven Verlangens nach Trost angesichts der Zumutungen des Alltags. Diese Flucht des Kinopublikums in die Irrealität ist analog zur Verdrängungsleistung der Trauernden in Alpen, die sich von den Gruppenmitgliedern die schöne Illusion vorgaukeln lassen, dass der Betrauerte noch lebt.

Lanthimos' Alpen erreicht zwar nie die Brillanz von Dogtooth. Das liegt jedoch deutlich mehr an der Genialität des letzteren Films als an etwaigen Schwächen des ersteren. Denn auch Alpen vollbringt etwas, was man nur von den allerwenigsten Filmen behaupten kann: Er bleibt über die gesamte Spielzeit nahezu unvergleichbar, vollkommen singulär.

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Martin Gobbin
www.critic.de/redaktion/martin-gobbin/
www.f-lm.de/author/martin/
www.imdb.com/mymovies/list?l=39827885

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