Keyhole
Guy Maddin

Kanada, 2011
6/10 Punkte
IMDB: Keyhole
Trailer zum Film unter der Kritik

Kurz & Knapp:
Nach vier langen Jahren ist endlich wieder ein neuer Film von Guy Maddin zu sehen. In Keyhole verwendet der idiosynkratische Kanadier erstmals digitale Bilder anstelle von altem körnigem Zelluloid. Doch das bleibt nicht die einzige Enttäuschung.

Schon in My Winnipeg, Guy Maddins letztem Spielfilm aus dem Jahr 2007, ging es um das Thema Heimat. Keyhole verengt den Blick nun von einer Stadt auf ein Haus: Der Film ist das Portrait eines Hauses – und wie so oft bei Guy Maddin entstammt vieles darin der Autobiographie des Regisseurs.
In dem Haus haben sich Erinnerungen in Form von Geistern manifestiert. Alphatier Ulysses und seine Gangsterbande verschanzen sich auf der Flucht vor der Polizei in dem seit langem leer stehenden Gebäude – statt von der Staatsmacht werden sie von den eigenen Dämonen und den Geistern des Hauses überwältigt.

In den meisten Filmen Maddins war die Form dem Inhalt gleichgestellt oder gar übergeordnet – da schadete es nicht weiter, wenn sich einige narrative Unebenheiten einschlichen. Keyhole aber ist stilistisch geradezu brav für Maddins Verhältnisse, das Experimentalfilmartige rückt merklich hinter den Plot – und da ist es dann schon problematisch, dass eben jener Plot reichlich konfus ist und den Zuschauer frustrierenderweise weitgehend aussperrt. Auch der literarische Hintergrund des Ulysses-Sujets hilft bei der Dekodierung des Geschehens nur sehr begrenzt weiter.

Verglichen mit den vorherigen Filmen Maddins mangelt es selbst an den sonst so wunderbar kuriosen Drehbuch-Einfällen. Lediglich ein per Fahrrad betriebener elektrischer Stuhl, ein frühes Email-System und ein an das Bett seiner Tochter gefesselter Vater erinnern an die grotesken non-sequiturs aus The Saddest Music in the World oder Careful. Auch die sonst bei Maddin durchaus tiefgründige psychologische Dimension bleibt in Keyhole erstaunlich flach.

Der unfokussierte Plot und die stilistischen Konventionsbrüche halten zwar auch Keyhole in weiter Ferne von einem irgendwie kommerziell verwertbaren Endprodukt – allerdings hat Maddin doch einige Konzessionen an das zeitgenössische Filmschaffen und die Sehgewohnheiten des dadurch konditionierten Zuschauers gemacht. Der Schnitt ist für einen Maddin-Film in großen Teilen vergleichsweise ruhig, Unschärfen entfallen als Stilmittel fast komplett und wackelige Zwischentitel gibt es auch nicht mehr. Der größte Affront für 8mm- und 16mm-Puristen aber ist der erstmalige Einsatz einer Digitalkamera, die allzu glatte Bilder liefert und Keyhole damit weiter von der Ästhetik des Stummfilms wegrückt als es in jedem anderen Maddin-Film der letzten 10 Jahre der Fall war.

Stimmig sind das imposante Sound-Design und die atmosphärische Lichtsetzung, auch wird der Film in der zweiten Hälfte spürbar stärker. Und doch hinterlässt Keyhole ein Gefühl der Enttäuschung, ja eine Art nostalgisches Sehnen, das Maddin mit seinen hommageartigen Parodien bzw. parodistischen Hommagen an die Ära des Stummfilms sonst selbst erzeugt und bedient hat. Man wünscht sich den „guten alten“ Maddin zurück, den Magier aus Brand upon the Brain, der schon mit dem ersten Bild einen solchen Zauber erschuf, dass man sich nicht mehr im Kinosaal, sondern in dem schauermärchenhaften Leuchtturm-Waisenhaus auf einer einsamen Insel wähnte.
Keyhole brennt sich zu keinem Zeitpunkt auf vergleichbare Weise ins Gehirn.

.

Martin Gobbin
www.f-lm.de/author/martin/
www.critic.de/redaktion/martin-gobbin/
www.imdb.com/mymovies/list?l=39827885

.

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

BloggerAmt