Enter the Void
Gaspar Noé

Frankreich, 2009
8/10 Punkte
IMDB: Enter the Void
Trailer zum Film

Kurz & Knapp:
Ein Experimentalfilm im Multiplex! Enter the Void bestätigt Gaspar Noés Ruf als narzisstisches Enfant terrible - und als einen der größten künstlerischen Visionäre des zeitgenössischen Kinos.

Size matters!
Wer Gaspar Noés lang erwarteten Film Enter the Void auf dem heimischen Fernsehgerät oder einer kleinen Kino-Leinwand anschaut, hat ihn nur gesehen.
Wer das Glück hat, ihn auf einer riesigen Multiplex-Leinwand bestaunen zu dürfen, hat diesen Film mehr als nur gesehen: Er hat ihn erlebt.

Diesen immensen Unterschied verdeutlicht bereits die anfängliche Titelsequenz, mit der Noé nochmals all jene eindrücklich warnt, die sich von seinen vorherigen Tours de Force (bekannter: Irréversible, besser: Menschenfeind) nicht abschrecken lassen haben, sich auch diesmal ins Kino zu wagen. Schon bevor der Film richtig angefangen hat, wird klar: Noé greift auch diesmal die Sinne des Zuschauers frontal an.
Doch was auf dem heimischen PC-Bildschirm oder - im besseren Fall - dem Breitbild-TV lediglich wie ein ungewöhnlicher Vorspann wirkt, entfaltet im komplett abgedunkelten Kinosaal, in tausendfacher Vergrößerung und mit Hilfe der pulsierenden Bässe eine physische Wirkung.
Das stroboskopische Flackern, die nervös flatternde Schrift, die extrem schnellen Schnitte lassen die Hand des Zuschauers wie eine Kralle in die Sessellehne fahren - und man fragt sich ein wenig ängstlich, ob es überhaupt jemand mitbekommen und Hilfe leisten würde, wenn man hier plötzlich wild zuckend auf dem Boden läge.

Doch es lohnt sich, das Stroboskop-Lichtfeuer, die Schwindel-erregende hypermobile Kamera und - sonst wär's ja kein echter Noé - die diversen Schock-Szenen auszuhalten. Denn Gaspar Noé ist zwar durchaus ein effektheischerischer Provokateur, der seinen Status als Enfant terrible genüsslich zelebriert. Aber er ist eben auch einer der großen Visionäre des zeitgenössischen Kinos - einer, der den Film (und den Zuschauer) an seine Grenzen treibt und, darüber hinausgehend, weiter entwickelt.

Wer in Noé einen prätentiösen Poseur zu erkennen meint, dem liefert Enter the Void Munition en masse. Wir sehen einen abgetriebenen Fötus, den Point-of-View der Gebärmutter während der Empfängnis, eine inzestuöse Geschwisterbeziehung, Drogen, Gewalt und vor allem Sex, Sex, Sex.
Doch wer sich allein der Entlarvung dieser provokanten Fassade widmet, übersieht - wie es so manchem erbosten Rezensenten von Irréversible passierte - die philosophischen Tiefen und vor allem das stilistische Genie Noés.
Denn selbst in den grausamen Horror-Fantasien, den gratis Schock-Zugaben seines Oeuvres, wird Noés Talent zur Inszenierung noch überdeutlich: Die wiederholte Einspielung eines Auto-Unfalls in Enter the Void erschlägt den Zuschauer nicht einfach nur mit harten Sound-Effekten, sondern findet Bilder von einer so eindringlichen Schönheit des Hässlichen, einer bildgewaltigen Anziehung des Abscheulichen, wie man sie in kaum einem genuinen Horror-Film entdeckt.

In Enter the Void verdingt sich der Amerikaner Oscar als Drogendealer in Tokio, liest das tibetische 'Buch der Toten' und reiht sich - kaum dass er seine seit langem verschollene Schwester Linda hat einfliegen lassen - nach einem verpatzten Drogen-Deal selber in die Schar derer ein, die als immaterieller Geist auf die Welt blicken.
Aus dem Existentialismus/Nihilismus der beiden Vorgänger-Filme Noés ist eine esoterische Weltsicht geworden, die ganz ernsthaft von Reinkarnation erzählt und damit fast sowas wie ein Happy End liefert, wenn der tote Oscar endlich zur Ruhe kommt nachdem seine Schwester ihn quasi wiedergeboren hat.
Auch wenn mit dem Heidegger-Sartre`schen 'in-die-Welt-geworfen-werden', der 'Verdammung zum Sein' - dem 'Hinlaufen zum Tode', automatisch das Leiden des Individuums beginnt, so besteht doch die Möglichkeit, ein besseres Leben vorzufinden als Oscars, dessen Lebensfreude bereits in seinen Kindertagen zerstört wurde.

In den zahlreichen in die Gegenwarts-Narration eingewobenen Flashbacks greift Noé die vor allem von der Psychoanalyse postulierte These auf, dass unser Dasein als Erwachsener letztlich eine Ansammlung von (oft unbewussten) Reaktionen auf unsere Kindheitsprägungen ist.
Oscars Leben ist durch seine Kindheitserlebnisse determiniert, ja traumatisiert worden: Den Verlust der liebevollen Mutter durch einen brutalen Auto-Unfall und die gewaltsame Trennung von der geliebten Schwester nach der Einweisung der zwei Waisenkinder in unterschiedliche Heime.
Wenn der Erwachsene Oscar die Brust einer Geliebten küsst, schneidet Noé das parallel mit dem Nuckeln des Säuglings Oscar an der Mutterbrust.
Auch die innige, neu aufgenommene Beziehung zur Schwester wird vom Film als ein Versuch dargestellt, die Schrecken der Kindheit zu korrigieren.

Eine ähnliche Funktion kommt den Drogen zu, mit denen Oscar aus der Realität in eine bessere Welt flieht, in der er sich temporär warm und geborgen wie ein Kind fühlen kann. Es sind jene Drogenerlebnisse, die den Film Enter the Void geschaffen und zu einem einzigartigen künstlerischen Werk gemacht haben.
Noés langjähriger Wunsch, diesen Film zu drehen, ist ebenfalls eine Kindheitsprägung. So beschreibt er all seine späteren Drogen-Experimente als Versuche, jene Empfindungen neu zu beleben, die er beim erstmaligen Sehen von Kubricks legendären Film 2001: A Space Odyssey verspürte.
Enter the Void ist nun also Noés eigener Versuch, psychedelische Rauschzustände in (von ekstatischem Techno und erhabener Klassik begleitete) Bilder zu übersetzen.

Dazu wechseln wir kurz nach dem Psycho-Terror der Titelsequenz in die Perspektive Oscars - die Kamera blickt durch seine Augen, empfindet seine Körperbewegungen nach und zeigt sogar komplett schwarze Bilder, wenn Oscar blinzelt.
Oscar zündet sich einen Joint an und entschwebt geistig in andere Ebenen.
Noé nutzt dies, um mal eben - wie vor über 40 Jahren Kubrick - den Avantgarde-Standard zu setzen, an dem sich alle anderen Filme zwangsweise messen lassen müssen.
Oscar taucht in eine Traumwelt ein: CGI-Sequenzen zeigen uns waberndes Plasma in übersättigten Psychedelia-Farben, wie Supernovas explodierende Gehirnzellen under the influence und vor allem grell gleißendes Licht - das Symbol der Erleuchtung, der Offenbarung, der Todeserfahrung.
Verbunden mit der für Noés Filme typischen entfesselten Kamera evozieren diese Bilder einen veritablen Trance-Zustand - näher ist das Kino bisher kaum einmal an die totale Selbstvergessenheit, ja an die filmische Simulation eines Drogentrips, eines out-of-body-Erlebnisses, gekommen.

Wenn man einmal für wenige Augenblicke aus diesem Zustand der künstlerisch erzeugten Immersion aufwacht, merkt man, wie beglückend es ist, experimentalfilmartige Bilder - die sonst auf DVDs, in Museen oder kleinste Programmkinos verbannt werden - unter den nahezu idealen technischen Bedingungen eines Multiplex-Kinos zu sehen.
Die Visualisierungen der Drogenwirkungen nähern sich der totalen Abstraktion - und damit dem Territorium der filmischen Avantgarde - wenn sie sich vom "Zwangs-Realismus" des Films (Maya Deren), der Repräsentation, befreien.

Doch die Realität ruft Oscar, er - und mit ihm der Zuschauer - erwacht aus seinem Trip und sieht sich dem nächtlichen Tokio gegenüber, das mit seinen schrillen Leuchtreklamen und den omnipräsenten Neon-Farben fast wie eine Fortsetzung des halluzinogenen Drogenerlebnisses wirkt.
Plötzlich jedoch setzt unerwartet das ein, was ein Freund Oscars kurz zuvor als den ultimativen Rauschzustand beschrieben hatte: Oscar wird erschossen, aber seine Seele lebt noch eine Zeit lang fort und wacht über die Welt, aus der Oscars Körper gerade weicht.
(Eben weil die Nahtoderfahrung der bestmögliche Trip sein soll, sind die Medizin-Studenten in Joel Schumachers Flatliners bereit, unter großen gesundheitlichen Gefahren immer länger andauernde Auszeiten vom Leben künstlich zu erzeugen).

Ab diesem Moment spielt der Film zu einem großen Teil in der optisch alles verflachenden (und damit verfremdenden) Aufsicht. Aus der Point-of-View-Perspektive des innerweltlichen Oscars sind wir in die Point-of-View-Sicht des außerweltlichen Oscars gewechselt, der als Geist keine physischen Grenzen kennt.
Wie schon in Irréversible gleitet die Kamera durch Wände - hier aber dringt sie nun auch mit fließenden Bewegungen in Körper oder Fahrzeuge ein und schwebt über das nächtliche Tokio hinweg von einem Ort zum anderen.
Einerseits kaschiert Noé damit den Schnitt, wie es bereits in Irréversible und Menschenfeind der Fall war - andererseits macht er die filmische Technik der Montage gerade durch die Betonung ihrer Abwesenheit sichtbar, wenn der Kamerablick minutenlang über die Hausdächer von Tokio gleitet statt (wie gewohnt) zwei disparate Räume durch einen Cut zu verbinden.

Im Rahmen von Noés scheinbarer Umgehung der Montage erweist sich Oscars Blinzeln als raffinierte Gelegenheit, Schnitte zu verstecken. Zugleich ist das Blinzeln auch ein dramaturgisches Instrument, sorgt es doch für Momente extremer nervlicher Anspannung, da stets ungewiss ist, was sich zeigen wird, sobald Oscar die Augen wieder öffnet.
Insbesondere eine Spiegelszene spät im Film kitzelt jedes Quäntchen Angst-Lust aus dem Zuschauer heraus. Man fürchtet sich hinzuschauen und kann den Blick paradoxerweise doch nicht von der Leinwand abwenden - und wenn wir heimlich durch die schützenden Finger schauen...
Die Lust am wohligen Schauer als Auslöser des Blickzwangs.

Stilistisch beeindruckend ist auch Noés exzessiver Einsatz von Unschärfen, wie man sie aus dem Experimentalfilm (Kenneth Anger, Guy Maddin, Philippe Grandrieux) kennt. Die Verzerrungen der out-of-focus-Einstellungen verbinden sich mit den ebenso vielfältigen wie intensiven Lichtquellen des Films zu Bildern, die das Spektrum der Sinneseindrücke zwischen Drogentrip und Nahtoderfahrung ausloten.
Immer wieder unternimmt Noé dabei (technisch an sich unmögliche und daher CGI-gestützte) Kamerafahrten in Orte der Leere: Urnen, Herdflammen, Lampenschirme - lauter kleine voids also, die wir entern.
Auch wenn der in Form seines Neffen reinkarnierende Oscar am Ende in das Sein geworfen wird, findet sich diese Kombination aus Unschärfe und Licht. Das Erste, was dieser neue Erdenbürger in seinem irdischen Leben erfährt, ist Schmerz: Ihm wird die Nabelschnur, die (meta)physische Verbindung zur ihn versorgenden und schützenden Mutter gekappt, von nun an ist er auf sich allein gestellt, ungefragt geworfen in die kalte Leere des Seins...

Enter the Void ist deutlich zu lang, macht zu viel Gebrauch von CGI-Effekten (auch wenn die Übergänge zwischen Film- und Computer-Bild erstaunlich realistisch sind) und versteigt sich dabei manchesmal zu Lächerlichkeiten: Dem innerkörperlichen Blick auf die Befruchtung ebenso wie dem Gegenstück dazu - dem Blick von außen auf das Liebespaar, aus dessen Körperöffnungen spiritistische Licht-Tentakel ragen.

Aber: Ein so intensives Erlebnis, eine solche Reizüberflutung, die physisch wie psychisch realen Stress erzeugt, der noch lange nach der Vorstellung seiner Verarbeitung harrt, gibt es im Kino nur äußerst selten.
Enter the Void ist einer jener Filme, nach denen man sich erstmal einige Minute sammeln muss, um wieder in der Realität anzukommen - damit kommt Noé dem Ideal der filmischen Nachempfindung eines Drogentrips so nahe wie (derzeit) möglich.

Erzeugt wird diese immersive Rausch-Erfahrung durch Noés einzigartige Stil-Experimente, die den Zuschauer sinnlich überwältigen. Hinter dieser formalen Größe steckt aber auch noch genügend narrativer Tiefgang, der das Avantgarde-Kino des Gaspar Noé erst Publikums-tauglich macht.
(Freilich verschwinden die diegetischen Aspekte von Noés Filmen manchmal ein wenig hinter den formellen Ansprüchen seiner Werke - ebenso wie die pubertäre Lust Noés am Skandal mitunter leider seine künstlerische Meisterschaft überschattet.)

Vor der ersten Kameraeinstellung sehen wir das Wort "Enter" blinken - zwei-einhalb Stunden später folgen die Worte "the Void", und dann gar nichts mehr (die Credits liefen ja schon zu Beginn). Das, was sich da in den 150 Minuten zwischen diesen Worteinblendungen offenbart, ist die 2010er-Version von 2001: A Space Odyssey - ein stilistisches Unikat, eine große künstlerische Vision.
Zwischen "Enter" und "the Void" versucht Noé nichts weniger als das zu zeigen, was sich auf Grabsteinen in dem kleinen Bindestrich zwischen den Jahreszahlen verbirgt: Das für uns so wichtige und kosmisch dennoch so nichtige Phänomen der menschlichen Existenz.

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Martin Gobbin
http://www.imdb.com/mymovies/list?l=39827885

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