Nachdem die Berlinale vorbei ist, steht eines fest:
So kann es nicht weiter gehen! ;)
Oder anders: Die bisherige Frequenz und Ausdauer der Kritiken kann so nicht aufrecht erhalten werden, da es neben dem filmischen (Er-)Leben ja auch noch ein reales Leben mit zahlreichen realen Pflichten gibt.

Stattdessen soll diese Rubrik in regelmäßigen Abständen (und mit weniger Worten als in den bisherigen Kritiken) über kürzlich angesehene Filme berichten - und so auf Filme hinweisen, Werke empfehlen, von der Sichtung abraten, o.ä.

Zusätzlich wird es gelegentlich auch längere Kritiken im Stile der Berlinale-Texte geben, insofern ein bestimmter Film dies gebietet (und die Zeit dafür vorhanden ist).
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L'enfer d'Henri-Georges Clouzot (Serge Bromberg/Ruxandra Medrea, 2009, Frankreich - 8/10 Punkte) Trailer zum Film
Dem französischen Produzenten Serge Bromberg ist es - nach Hunderten Versuchen anderer Filmemacher - gelungen, die Witwe Clouzots zur Freigabe der archivierten Aufnahmen des nie fertig gestellten Werkes L'Enfer zu bewegen. Wenn man diese seit Jahrzehnten vergrabenen Bilder nun sieht, ist man geneigt, den Zufall zum glücklichen Wink des Schicksals zu erklären - schließlich gelang es dem Klaustrophobiker Bromberg nur Mme. Clouzot die Bilder zu entlocken, weil er mit ihr stundenlang in einem Aufzug stecken blieb.
Die Panik und der Angstschweiß haben sich gelohnt: Was Clouzot da auf Zelluloid gebannt hat, dürfte mit zum schönsten Scheitern gehören, das es in der Filmgeschichte gegeben hat. Die mit massiven Ressourcen aus Hollywood finanzierten Test-Aufnahmen mit Romy Schneider sind Atem-beraubend.
Um die wahnhafte Eifersucht des filmischen Gatten Schneiders zu versinnlichen, greift Clouzot mit seinen Technik-Experten so tief in die Trick-Kiste, dass man aus dem Staunen nicht mehr heraus kommt. Dass diese hyper-experimentellen Szenen in einen narrativen Film der 60er-Jahre eingefügt werden sollten, ist schlichtweg wahnwitzig.
Die filmische Leistung Brombergs ist hierbei schwer einzuschätzen, verlässt seine Doku über die turbulenten Dreharbeiten zu Clouzots Film doch selten das Terrain der Standard-Techniken: Archiv-Aufnahmen, Zeitzeugen-Interviews, usw.
Aber für diesen Schatz, den er da gehoben hat, wird ihm jeder Cineast ewig dankbar sein - ihm oder dem Fahrstuhl im Haus von Mme. Clouzot
IMDB: L'enfer d'Henri-Georges Clouzot
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Tiresia (Bertrand Bonello, 2003, Frankreich - 8/10 Punkte)
Dass die eindrucksvollste Szene eines fiktiven Films aus dokumentarischen Bildern besteht, mag seltsam klingen, liegt aber daran, dass manche Dinge gar nicht inszeniert werden müssen, sondern schon in der realen Welt existieren und geradezu zum Abfilmen gemacht zu sein scheinen.
Bonello, der sein enormes Gespür für eine atmosphärische, sich mitunter von der Narration lösende Optik bereits im wunderbaren De la Guerre bewiesen hat, zeigt im Prolog von Tiresia zwei Minuten lang einfach nur fließende Lava. Das ist zunächst vor allem ein sinnlicher Genuss, ein Bild des Erhabenen, ordnet sich aber später als eine Art Assoziativ-Montage in den Plot ein.
Denn in Bonellos Reinkarnation des blinden Hellsehers Tiresia verflüssigen sich geschlechtliche Polaritäten - Tiresia wird in der ersten Hälfte von einer Frau, in der zweiten Hälfte von einem Mann gespielt und als transsexuell gezeichnet. Dass er/sie als 'heilige Hure' arbeitet und von einem Priester brutal geblendet wird, den sie/er später an seiner Stimme wieder erkennt, bindet die antike Sage zudem in einen modernen religionskritischen (und doch mitunter theologischen) Sexualitäts-Diskurs ein.
IMDB: Tiresia
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Ascension (Karim Hussain, 2002, Kanada - 7/10 Punkte) Trailer zum Film
Ascension ist eines der immer seltener werdenden Beispiele des zeitgenössischen Horror-Films, in denen auf Atmosphäre statt Schock, Andeutung statt explizite Brutalität, entschleunigte Eleganz statt rasante Schnitte gesetzt wird.
In einer post-apokalyptischen Welt steigen drei Frauen die endlosen Treppen eines Silos hinauf, um den übermenschlichen Verursacher der nicht näher bezeichneten Katastrophe zu stellen. Die Auflösung gerät etwas zu open ended - zugleich aber passt dieser Interpretations-Freiraum in das Konzept des Arthouse-Horrors wie er von Karim Hussain (Subconscious Cruelty) vertreten wird.
Die große Stärke des Films ist seine Stimmung - die existentielle Hoffnungslosigkeit, die aus den bläulich-unterkühlten, oft surreal stilisierten Bildern des post-industriellen Verfalls spricht.
IMDB: Ascension
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Fruit of Paradise (OT: Ovoce stromu rajských jíme, Vera Chytilová, 1970, Tschechoslowakei - 7/10 Punkte)
Vera Chytilovás Daisies (Sedmikrasky) war für mich eine der größten Entdeckungen des vergangenen Jahres. Chytilová ist eine der führenden VertreterInnen der Czech New Wave, einer experimentell-avantgardistischen Bewegung der 68er-Ära, deren Hauptwerke fast ausnahmslos verboten wurden, da sie (im Kommunismus verpönten) Formalismus mit politischer Subversion verbanden.
Die überschäumende Wildheit der stilistischen Spielereien vermag auch in Fruit of Paradise zu begeistern - vor allem in der nahezu abstrakten Montageschlacht des Anfangs. Nur der Plot (Eva kann sich nicht zwischen ihrem Adam und der teuflischen Versuchung entscheiden) wird inmitten all der Effekte zu sehr vernachlässigt.
IMDB: Fruit of Paradise
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Moebius (Gustavo Mosquera R., 1996, Argentinien - 6/10 Punkte)
Die Zusammenfassung von Moebius hört sich besser an als der Film letztlich ist. In Buenos Aires verschwindet eine U-Bahn auf unerklärliche Weise im unterirdischen Tunnel-Labyrinth. Ein Mathematiker, der zu Hilfe gerufen wird, vermutet, der Zug habe sich über eine Manifestation des paradoxen Möbius-Bandes in eine andere Dimension katapultiert (was ihm - überraschenderweise - niemand zu glauben scheint).
Abgesehen vom mit philosophischen Äußerungen (üb)erfüllten Ende und ein paar schön ausgeleuchteten Tunnel-Fahrten im Zeitraffer, kann Moebius weder stilistisch noch inhaltlich an Maßstäbe-setzende Beispiele des Mathematik/Philosophie-Films wie Pi (Darren Aronofsky) oder Cube (Vincenzo Natali) anschließen.
Die offensichtliche Anspielung auf das mysteriöse Verschwinden der zahlreichen Opfer der argentinischen Militär-Diktatur kommt nicht über den Rang einer Fußnote hinaus. Und die Möbius'sche Theorie wird ebenso wenig erklärt wie der für Nicht-Mathematiker doch etwas seltsam klingende Verdacht des Protagonisten plausibilisiert wird.
Das Ende wirkt dann angesichts dieser Leerstellen plötzlich arg überfrachtet und hyper-stilisiert. Dass solche inneren Widersprüche bei den Dreharbeiten geradezu entstehen mussten, ist der außergewöhnlichen Produktionsweise des Films zuzuschreiben. Moebius ist ein studentisches Kollektiv-Werk der Filmhochschule von Buenos Aires unter Federführung eines Professoren (Gustavo Mosquera R.).
Trotz einiger Mängel ist es den Regisseuren und Autoren von Moebius zweifelsohne gelungen, durch ihre Verquickung von Mathematik, Philosophie und Politik - und nicht zuletzt die Sci-Fi-artige Ästhetik des Films - auf sich und das aufblühende Filmland Argentinien aufmerksam zu machen.
IMDB: Moebius
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Martin Gobbin
http://www.imdb.com/mymovies/list?l=39827885

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