szmmctag

  • Berlinale-Telegramme

    Zusammenfassungen von der Berlinale in aller Kürze:

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    Side Effects (Steven Soderbergh, USA, 2013)
    7/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Wettbewerb)
    Schade, 80 Minuten lang ist Soderberghs Side Effects ein richtig spannender und cleverer Thriller, in dem sich keine Figur eindeutig als schuldig festmachen lässt. Die Auflösung gerät dann aber leider etwas zu "clever" - und führt außerdem dazu, dass der Film letztlich gar nichts mehr mit der Ausbeutung psychisch Kranker durch die Pharmaindustrie zu tun hat. Und das Ende ist dann auch etwas zu happy und gerecht.

    Dark Blood (George Sluizer, Niederlande, 2012)
    6/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Wettbewerb)
    Ohne den frühen Tod von River Phoenix hätte Dark Blood wohl keinen Platz im Wettbewerb bekommen. Ein Ehepaar um die 50 bleibt in der Wüste mit seinem Auto liegen - ein Fremder scheint ihnen zunächst Hilfe zu leisten, beginnt sich aber mehr und mehr für die (nicht wirklich MILF-ige) Frau zu interessieren und hält die beiden bei sich gefangen. Eine überzeichnete Hauptfigur und ein wirres letztes Drittel lassen den Film über (unterhaltsames) Mittelmaß nicht hinaus kommen.

    Closed Curtain (OT: Pardé, Jafar Panahi & Kamboziya Partovi, Iran, 2013)
    6/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Wettbewerb)
    Bei den durchweg positiven Reaktionen zu Closed Curtain habe ich den Eindruck, dass die Entstehungsgeschichte des Films und der (verständliche) Wille, den mit Hausarrest und Arbeitsverbot belegten Jafar Panahi politisch zu unterstützen, stark mit in die Bewertung einfließen. Denn lässt man all diese Umstände außer Acht und schaut nur auf den Film, ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, was daran narrativ oder formal sonderlich stark sein soll. Den Ansatz, anhand der Misshandlung von Tieren die Unmenschlichkeit eines Regimes zu zeigen, fand ich ziemlich gut - leider setzt der Film aber nur in den ersten 15 Minuten auf dieses Konzept.

    Sieniawka (Marcin Malaszczak, Polen, 2013)
    4/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum)
    Sieniawka ist nochmal ein richtiger Tiefpunkt des Festivals. Dass es nicht mehr wirklich avantgardistisch ist, einen Film mit geistig Behinderten zu machen, ist da noch ein recht kleines Problem. Dass der Film sich größtenteils als Doku ausgibt, einige der Szenen aber doch inszeniert, ist Zuschauerverarschung. Dass er seinen anfänglichen Plot einfach abbricht und vergisst, ist ebenso ärgerlich wie die offensichtliche sadistische Freude des Regisseurs daran, seine Zuschauer auf eine Geduldsprobe zu stellen - ohne jeglichen tieferen Sinn und deshalb mit sehr hoher Walk-out-Rate. Und wenn man dann spät im Film sieht, was thematisch und visuell alles liegen gelassen wird, ist es schade um den Film, den man aus diesem Material hätte machen können.

    The eternal Night of twelve Moons (OT: La eterna Noche de las doce Lunas, Priscila Padilla, Kolumbien, 2013)
    6/10 Punkte
    noch keine IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Generation)
    In der Doku The eternal Night of twelve Moons geht es um ein 12-jähriges Mädchen aus einer kolumbianischen Indigenen-Gruppe, die aus rituellen Gründen ein Jahr lang in einer Lehmhütte eingeschlossen wird, als ihre Menstruation einsetzt. Durch diesen asketischen Brauch soll ihr "Heiratswert" gesteigert werden. Ein solider, mit westlichen Moralvorstellungen oft nicht leicht zu ertragender Film über Traditionen, die die Psyche junger Menschen angreifen und hierzulande wohl als Folter definiert werden würden.

    The Act of Killing (Joshua Oppenheimer & Christine Cynn & Anonymus, Dänemark/Norwegen/Großbritannien, 2012)
    9/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Panorama)
    Mein persönlicher Berlinale-Gewinner dürfte gefunden sein. Die beklemmende Doku The Act of Killing lässt die reuelosen Massenmörder der früheren indonesischen Militärdiktatur ihre einstigen Greueltaten reinszenieren. Das konfrontiert die Täter nicht nur mit ihren verdrängten Verbrechen, sondern lässt sie auch die Perspektive ihrer Opfer übernehmen und nachempfinden. Die Aussagen und Reaktionen, die der Film den Mördern dabei entlockt, lassen einem immer wieder die Kinnlade runterklappen. Oft ist gar nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar, ob die Protagonisten noch schauspielern oder einfach sie selbst sind. Und ganz nebenbei leistet der Film noch eine Einführung in das heutige, korrupte politische System Indonesiens, in dem sich der Staat das Gewaltmonopol mit einflussreichen Paramilitärs teilen muss.

    Don Jon's Addiction (Joseph Gordon-Levitt, USA, 2013)
    6/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Panorama)
    Don Jon's Addiction ist ein Crowd Pleaser, der hinter seiner bunt-quirligen Fassade eine konservative Agenda versteckt, was Liebe und Sexualität angeht. Die Story über einen Porno-süchtigen Aufreißer, der sich verliebt und deshalb den Versuch unternimmt Porno-abstinent zu werden, bietet viele Lacher und ein paar erhellende Thesen zu unserem Umgang mit Pornographie. Aber letztlich wird es doch arg kitschig, naiv und prüde, wenn der Protagonist durch die Liebe bekehrt und von seiner Porno-Sucht 'geheilt' wird.

    Hide your smiling Faces (Daniel Patrick Carbone, USA, 2013)
    5/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Generation)
    Im Katalog heißt es zu Hide your smiling Faces: "Mit dem Verzicht auf eine forcierte Geschichte schafft Carbone Raum für eigene Reflexionen." Übersetzt heißt das "langweilig". Eine besonders gute Studie, was es für Jungen bedeutet, ihr männliches Image wahren zu müssen, bietet der Film leider auch nicht.

    Cold (OT: Soguk, Ugur Yücel, Türkei, 2012)
    8/10 Punkte
    noch keine IMDB-Seite vorhanden / Berlinale-Seite (Panorama)
    Das türkische Drama Cold ist der bisher beste Film, den ich auf dieser Berlinale gesehen habe. Ein biederer, frommer Familienvater verfällt darin einer russischen Prostituierten, vernachlässigt seine hochschwangere Frau und gerät so in einen schweren Gewissenskonflikt. Zu dem starken Plot kommen grandiose winterliche Landschaftsbilder und eine (ebenso pessimistische wie ehrliche) Männlichkeitsstudie dazu. Passend zum (auch akustisch stark eingesetzten) Leitmotiv der Eisenbahn fühlt man sich nach diesem harten, kraftvollen Film wie überfahren

    Das merkwürdige Kätzchen (Ramon Zürcher, Deutschland, 2013)
    8/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum)
    In Das merkwürdige Kätzchen merkt man wiedermal, was Plotbeschreibungen wert sind: Nichts. Auf dem Papier klingt der Film total öde - und dann so eine schöne, espritvolle, mit grandios absurden Dialogen und Situationen gespickte Komödie über die kleinen Momente des Lebens. Noch dazu gibt es darin eines der überraschendsten, schönsten, urkomischsten (und un-anthropozentrischsten) Bilder des gesamten Festivals, wenn wir einen Hund beobachten, wie er eine Katze beobachtet. Einziges Manko: Der Film löst sein immer wieder angedeutetes dramatisches Versprechen nicht ganz ein. Dennoch: Unbedingt dieses filmische Kleinod entdecken!

    Upstream Color (Shane Carruth, USA, 2013)
    7/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Panorama)
    Der SciFi-Thriller-Plot vom in Sundance viel gelobten Upstream Color geht definitiv nicht auf, dabei macht der Film ziemlich auf bedeutungsschwanger. Als experimenteller Bilderfilm, der rein sinnlich statt intellektuell vorgehen möchte, funktioniert er aber ganz gut. Intensives Sound Design, eine manische Schnittfrequenz und mitunter betörende (wenn auch nicht immer verständliche) Bilder erschaffen einen in Richtung Malick tendierenden Zustand der Entrückung. Allerdings wirkt der Film durch die zunehmend schwächer werdende Verbindung von Stil und Plot recht rätselhaft und hinterlässt viele Fragen.

    Leviathan (Lucien Castaing-Taylor & Verena Paravel, Frankreich/USA, 2012)
    8/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum Expanded)
    Wirklich einzigartige Filme gibt es sehr, sehr selten. Leviathan ist ein solcher Film.
    Zwar hat er ein eher begrenzt interessantes Thema (Hochseefischerei) und auch ein paar Schwächen (Redundanz; Übererfüllung des Kunstfilm-Klischees der lange andauernden Einstellungen). Dennoch ist dieses Werk ein absoluter must-see-Film. Denn aus einer Fischerei-Doku macht das Regie-Duo einen extrem sinnlichen, wuchtigen Experimental-Horrorfilm. Tolle Unterwasser-Bilder, grandioses Sound Design und sehr unkonventionelle Kameraperspektiven lassen den Film zu einem wahren Kino-Erlebnis werden. Fast beginnt man, sich selbst wie ein Fisch zu fühlen - ein komplett orientierungsloser Fisch, der von rauen Männern herumgeschleudert und von hungrigen Möwen angestarrt wird. Erstaunlich ist, dass die Bilder laut den Filmemachern allesamt unbearbeitet sind - dabei wirken sie mitunter bis hin zur Abstraktion entfremdet.

    The Eternal Return of Antonis Paraskevas (OT: I aionia epistrofi tou Antoni Paraskeua, Elina Psykou, Griechenland, 2013)
    5/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum)
    Der griechische Beitrag The Eternal Return of Antonis Paraskevas über einen alternden TV-Moderator, der seine eigene Entführung faket, um noch einmal große mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, lässt mich etwas ratlos zurück. Die Analyse kannibalistischer Eigendynamiken im Mediensystem ist ja ganz interessant - allerdings schwankt der Tonfall des Films mehrfach recht stark und das antiklimaktische Ende ähnelt eher einem Abbruch als einem Abschluss.

    Computer Chess (Andrew Bujalski, USA, 2013)
    8/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum) / Meine Kritik auf Critic
    Es geht doch! Andrew Bujalskis Computer Chess ist eine sehr vergnügliche, trockenhumorige Satire über Computernerds, freie-Liebe-Esoteriker und den Zusammenprall dieser zwei inkompatiblen Hardwareteile. Gedreht auf alten Videokameras mit schwarz-weißem Material, Anti-HD-Auflösung und 16mm-Körnern. Ein detailverliebter Film mit Kultpotential, der viel Spaß macht, während er seine Späßchen macht.

    Endzeit (Sebastian Fritzsch, Deutschland, 2013)
    6/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Perspektive Deutsches Kino)
    In Sebastian Fritzsch' postapokalyptikschem Debütfilm Endzeit tauchen zwar ein paar metaphorische Wölfe auf - der Mensch aber ist dem anderen Menschen hier weitaus weniger Wolf als in thematisch verwandten Werken. Fritzsch verweigert sich fast jeglicher spektakulärer Zuspitzung und konzentriert sich ganz auf das zwischenmenschliche Drama. Noch etwas holprig inszeniert, aber eine frische Herangehensweise an das Genre und wunderschön dunkel ausgeleuchtete Gesichter und Interieurs machen aus Endzeit ein Debüt, das Zukunftspotential erkennen lässt.

    Yumen (J.P. Sniadecki & Huang Xiang & Xu Ruotao, China, 2012)
    3/10 Punkte
    noch keine IMDB-Seite vorhanden / Berlinale-Seite (Forum Expanded)
    Die Walk-out-Rate des undefinierbaren chinesischen Etwas Yumen kann es fast mit der von Love Battles aufnehmen. Anders als Love Battles oder Viola tut Yumen aber noch nicht mal so, als steckte da irgendein Sinn hinter. Theoretisch geht es um eine chinesische Geisterstadt - de facto nutzen die Regisseure den Passepartout-Begriff "Experimentalfilm" als Freifahrtschein für zusammenhanglosen Unsinn.

    Together (OT: Tian mi mi, Hsu Chao-jen, Taiwan, 2012)
    5/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum)
    Die taiwanesische Komödie Together beobachtet die Liebeswirrungen und -irrungen rund um eine durchschnittliche, urbane Familie. Das ist mitunter vielleicht ein wenig albern, wäre ansonsten aber ganz nett anzusehen, wenn es nicht so furchtbar belanglos wäre. Wenn sich solche rundum egalen Filme auf einem Festival häufen, wird das irgendwann ärgerlich. So langsam könnten mal die notwendigen Filme kommen - die, die gemacht werden müssen.

    Stemple Pass (James Benning, USA, 2012)
    5/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum)
    Auch auf die Gefahr hin, als Banause abgestempelt zu werden, der das Ganze "nicht verstanden" hat: In James Bennings Stemple Pass ist mir - trotz meines großen Interesses sowohl an Experimentalfilmen als auch am Fall des UNA-Bombers Ted Kaczynski - nicht so richtig klar geworden, warum ich 4x30 Minuten lang auf einen Nachbau von Kaczynskis Hütte starren soll. Lutz Dammbecks Das Netz hat das selbe Thema meines Erachtens interessanter/erfolgreicher/fundierter aufbereitet als Benning mit seinem altbekannten Formalismus.

    Metamorphosen (Sebastian Mez, Deutschland, 2013)
    6/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Perspektive Deutsches Kino)
    Die studentische Arbeit Metamorphosen über eine weitgehend unbekannte, radioaktiv verstrahlte russische Region ist eine solide, wenn auch einigermaßen konventionelle Kino-Doku. Die leicht strenge, ruhige Schwarz-Weiß-Ästhetik findet schöne Landschaftsbilder. Vor allem lebt der Film aber von seiner Aufklärungsarbeit.

    Love Battles (OT: Mes séances de lutte, Jacques Doillon, Frankreich, 2013)
    3/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Panorama)
    Auch der französische Film Love Battles bewirbt sich um den Titel des unerträglichsten Films des Festivals. Es geht um eine schwer dysfunktionale Beziehung eines Mannes zu einer schwer dysfunktionalen Frau. Statt Sex zu haben, reden und kämpfen die beiden unaufhörlich miteinander. Dieses zielgehemmte Körperballett soll vermutlich ein kontroverses Masochismus-Drama sein, ist aber letztlich nur lächerlich, ermüdend und visuell dröge.

    Viola (Matías Piñeiro, Argentinien, 2012)
    3/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum) / Meine Kritik auf Kino-Zeit
    Der argentinische Film Viola ist ziemlich genau 65 Minuten zu lang - bei einer Spieldauer von 65 Minuten. Ein nervtötender High-Concept-Film, der Shakespeare ins heutige Argentinien transferiert und die immer selben Zeilen als Geduldstest für den Zuschauer ständig wiederholt. Weitgehend zusammenhangloses, abgefilmtes Theater ohne jegliche Bildideen.

    La Religieuse (Guillaume Nicloux, Frankreich, 2013)
    7/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Wettbewerb)
    Der französische Wettbewerbsbeitrag La Religieuse besteht aus zwei Hälften. Einem bedrückenden Drama über die tyrannische Unterdrückung einer jungen, unfreiwilligen Nonne - und einer Komödie über lesbische Nonnen. Beide Hälften sind für sich genommen gut, nur passen sie halt überhaupt nicht zusammen.

    Jîn (Reha Erdem, Türkei, 2013)
    7/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Generation)
    Reha Erdem kehrt drei Jahre nach dem grandiosen Kosmos mit der Fabel Jîn zur Berlinale zurück. Ein junges kurdisches Mädchen flüchtet darin sowohl vor dem türkischen Militär als auch vor ihrer Vergangenheit als Freiheitskämpferin/Terroristin. Ein sehr mutiger, weil pro-kurdischer Film mit atemberaubenden Naturbildern und starkem Sound Design - wenn auch etwas kitschig und mit einem recht einseitigen Blick auf den Kurdistan-Konflikt.

    Fatal (OT: Kashi-ggot, Lee Donku, Südkorea, 2012)
    8/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Panorama) / Meine Kritik auf Critic
    Das südkoreanische Drama Fatal über einen Jungen, der sich in ein Mädchen verliebt, das er und seine Freunde vor 10 Jahren vergewaltigt haben, ist zwar kein Meisterwerk, aber mein bisher bester Berlinale-Fund. Ein emotional starker, visuell experimentierfreudiger Film über Schuld, Sühne und das Zerbrechen an beidem.

    Belated (OT: Deshora, Bárbara Sarasola-Day, Argentinien, 2013)
    6/10 Punkte
    noch keine IMDB-Seite vorhanden / Berlinale-Seite (Panorama)
    Im argentinischen Film Belated baut sich zwischen zwei Ehepartnern und ihrem Neffen ein Dreieck des Begehrens auf - was das Kriseln der Partnerschaft zwar einerseits an die Oberfläche bringt, andererseits aber das Sexualleben des Paars auch wiederbelebt. Eher Mittelmaß, aber mit einem starken Ende und einer wunderbar lakonischen Sexszene.

    Gold (Thomas Arslan, Deutschland, 2013)
    7/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Wettbewerb)
    Im deutschen Wettbewerbsbeitrag Gold suchen ein paar deutsche Siedler am Ende des 19. Jahrhunderts im Norden Kanadas nach dem wertvollen Rohstoff. Der Film ist trotzt relativ spektakulärer Wendungen recht zurückgenommen und streut gelegentlich schwarzen Humor ein. Insgesamt gut, kommt aber nicht an Kelly Reichardts ähnlichen Neo-Western Meek's Cutoff ran.

    Elelwani (Ntshavheni Wa Luruli, Südafrika, 2012)
    5/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum) / Meine Kritik auf Kino-Zeit
    Elelwani ist ein etwas simpel gestricktes südafrikanisches Drama über eine Akademikerin, die von ihrer Familie gezwungen wird, auf dem Dorf zu bleiben und den Stammeskönig zu heiraten. In der zweiten Hälfte wird der Film etwas stärker - aber zunächst mal rennt er lauter offene Türen ein, wenn er (sehr plakativ) gegen repressive Traditionen, Zwangsheirat und das Patriarchat argumentiert.

    A Single Shot (David M. Rosenthal, Kanada/USA, 2013)
    7/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum)
    A Single Shot ist ein stilistisch starker Thriller über einen Redneck, der seine Frau und seinen Job verliert, jemanden versehentlich erschießt und von Backwoods-Gangstern durch die Wälder gejagt wird. Tolle entsättigte Bilder mit kaltem Blaustich, schöne Landschaftsaufnahmen, authentische Dialoge und aufwendiges Sound Design. Nur die Auflösung des Plots ist dann doch etwas zu dick aufgetragen und das Finale zieht sich ziemlich hin.

    The Daughter (OT: I kori, Thanos Anastopoulos, Griechenland, 2012)
    6/10 Punkte
    IMDB-Seite / Berlinale-Seite (Forum)
    In The Daughter entführt ein Teenie-Mädchen einen kleinen Jungen, um dessen Vater dazu zu bewegen, ihrem Vater die Schulden zu erlassen. Der Film macht einiges richtig (ungewöhnliche Kameraperspektiven, Darstellung der Wirtschaftskrise am Einzelfall) und einiges falsch (massive logische Löcher, ungehobelte Informationsstreuung). An die großen Werke des neuen griechischen Kinos kann er nicht anschließen. Letztlich ein typischer Durchschnitts-Festivalfilm, den man nach zwei Tagen wieder vergessen hat.

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    Martin Gobbin
    www.critic.de/redaktion/martin-gobbin/
    www.f-lm.de/author/martin/
    www.imdb.com/mymovies/list?l=39827885

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    BloggerAmt

  • Best of 2012

    Ein neues (Film-)Jahr hat begonnen.
    Zeit und Grund also, um zurückzuschauen auf das Filmjahr 2012.
    Anders als in den letzten beiden Jahren (Best of 2010, Best of 2011 - Teil 1, Best of 2011 - Teil 2), gab es für mich in diesem Jahr nicht den überragenden Film. Dass ich viel Gutes, aber nichts Grandioses gesehen habe, mag dem Zufall oder der persönlichen Filmauswahl geschuldet sein, vermutlich auch der höheren Arbeitsbelastung, die meinen Filmkonsum leider zwangsweise etwas eingeschränkt hat.

    Guy Maddin und Michael Haneke, zwei meiner Favoriten, haben 2012 neue Filme veröffentlicht. In die Top 20 haben es beide nicht geschafft.
    Dafür ist viel Horror dabei (wenn auch zumeist in eher experimenteller oder anspruchsvoller Form). Und natürlich wieder vieles, was es hierzulande gar nicht erst ins Kino schafft: Von meinen Top 10 waren exakt zwei Filme in deutschen Kinos zu sehen. Ein Hoch auf die hiesigen Filmverleihe!

    Also, die 20 besten Filme, die im Jahr 2012 ins Kino kamen, auf DVD erschienen oder auf Festivals liefen - wie üblich mit kurzen Beschreibungen, Links zur jeweiligen IMDB-Seite, zum Trailer und ggf. zu meiner Kritik.

    Allen Lesern ein frohes neues Jahr mit vielen guten Filmen!!!

    1. White Epilepsy (Philippe Grandrieux, Frankreich, 2012) --- Meine Kritik auf Critic
    Ein Film als Bewusstseins-erweiternde Droge. Ein Film, der auf einen der Ursprünge der Kinematographie – die Bewegungsstudie – verweist und dabei einen neuen Blick auf den menschlichen Körper schafft. Ein Film als Herausforderung, quasi ohne Narration, rein sinnlich und unendlich langsam. Ein Film mit einem unmöglichen Bildformat (etwa 9:16). Ein Horror-Experimentalfilm.

    2. Wrong (Quentin Dupieux, USA, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Nach der medienphilosophischen Horrorparodie Rubber kehrt das künstlerische Universalgenie Quentin Dupieux/Mr. Oizo mit einer surrealistischen Komödie zurück. Wenn ein Mann darin Haustiere entführt, um deren Besitzern zu vergegenwärtigen, wie sehr sie die Tiere lieben (sollten), hat das zudem noch eine psychologische Dimension. Doch vor allem ist Wrong ein Fest des absurden Humors: Im Büro regnet es, Hundehaufen haben Erinnerungen und ein Pizzakarton führt zum vielleicht komischsten Moment des Filmjahres 2012.

    3. Excision (Richard Bates Jr., USA, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Blogville
    Pauline hat keine Freunde, aber sie hat ein Hobby: Operieren. Dumm nur, dass sie nicht Ärztin, sondern Schülerin ist. Dumm vor allem für Tiere aus der Nachbarschaft und letztlich auch für ein paar Menschen. Excision ist ein low-key-Horrorfilm mit einer großzügigen Portion schwarzem Humor. Und sozialanalytischer Tiefe. Und wunderbar ehrlichen emotionalen Momenten. Und visueller Fantasie. Und John Waters. Und einem perfekten Ende.

    4. Beyond the Black Rainbow (Panos Cosmatos, Kanada, 2010) --- Trailer
    Wenn nur das einfallslos-platte Ende nicht wäre, hätte dieser Film Platz 1 oder 2 erreicht. Doch auch so bleibt er eine stilistisch grandiose, visuell mitunter an Amer erinnernde Sci-Fi-Dystopie mit Horror-Elementen. Ein sadistischer Wissenschaftler hält ein Mädchen in seinem High-Tech-Labor gefangen und experimentiert mit ihr. Auch Regisseur Panos Cosmatos experimentiert in der Mitte des Films mit einer großartigen, langen Avantgardefilm-Sequenz, aus der man fast mit Bedauern erwacht, als es mit dem Plot weitergeht.

    5. Modest Reception (Paziraie sadeh) (Mani Haghighi, Iran, 2012) --- Trailer
    Ein Mann und eine Frau fahren mit SUV und iPhone durch das iranische Hinterland und verschenken Säcke voller Geld. Während ihr Motiv lange Zeit unklar bleibt, wird relativ schnell deutlich, dass es den beiden nicht um Nächstenliebe und Altruismus geht, sondern um ein Experiment mit den Forschungsfragen: Wie weit ist der Mensch für Geld zu gehen bereit? Wie viele moralische Prinzipien wirft er in seiner Gier über Bord? Hat letztlich jeder und alles einen Preis? Und mit „alles“ ist hier angesichts einer verstörenden Szene auch die Liebe eines Vaters zu seinem toten Kind gemeint. Modest Reception ist eine geradeaus erzählte, moralisch kluge Parabel.

    6. Alps (Alpeis) (Giorgos Lanthimos, Griechenland, 2011) --- Trailer --- Meine Kritik auf Blogville
    Illusionen schützen uns vor der kalten, nackten Realität. Deshalb gehen wir ins Kino. Und deshalb bezahlen Menschen die namenlose Krankenpflegerin im Zentrum von Lanthimos' erstem Film nach seinem Meisterwerk Dogtooth. Sie bezahlen sie, damit sie eine früh verstorbene Tochter, einen toten Ehemann oder eine verschiedene Geliebte spielt. Die Pflegerin ist ein Ersatzmensch, der über den Verlust des Originals hinwegtrösten soll. Das ist zu Beginn dieses mit pechschwarzem Humor durchzogenen Psycho-Dramas noch ein diabolischer Plan, um aus der Trauer Fremder Profit zu schlagen. Doch es wird für die Protagonistin nach und nach zu einem Dauerzustand, bei dem sie zwischen Realität und Schauspiel nicht mehr unterscheiden kann. Auch sie flieht letztlich vor dem realen Leben in ihre Fantasiewelt, in ihr privates Kopfkino.

    7. Living (Zhit) (Vasili Sigarev, Russland, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Negativ
    Vasili Sigarevs Beitrag zur Tradition des slawischen Miserabilismus ist ein filmisches Anti-Antidepressivum. Wem es gerade zu gut geht oder wer noch an das Gute im Menschen glaubt, den kuriert dieser zutiefst bedrückende Film innerhalb von zwei Stunden restlos. Living ist ein Schlag in die Magengrube á la Der siebente Kontinent. Ein trauriger, aber kluger und atmosphärisch starker Film über das Leben mit dem Tod.

    8. Moonrise Kingdom (Wes Anderson, USA, 2012) --- Trailer
    Ich wollte diesen Film überhaupt nicht sehen. Nach dem Film aber wollte ich gar nicht mehr aus dem Kino raus, sondern mehr sehen (was sehr selten passiert, da ich bei den meisten Filmen eher denke, da hätte man etwas straffen können). Moonrise Kingdom ist eine wunderbar schräge, visuell stringent durchkomponierte Komödie, die mit dem wohl schönsten Musikunterricht beginnt, den ich je erlebt habe. Eine ganz unschuldige, berührende Liebesgeschichte zwischen zwei Außenseitern an der Grenze zwischen Kindheit und Jugend.

    9. Turn me on, Goddammit (Få meg på, for faen) (Jannicke Systad Jacobsen, Norwegen, 2011) --- Trailer
    Alma ist dauergeil – auf ihren Mitschüler Artur, auf Telefonsex, eigentlich auf alles, denn Almas Hormone spielen gerade verrückt. Regisseurin Jannicke Systad Jacobsen macht daraus eine wunderbar leichte, unverklemmte und vor allem urkomische Coming-of-Age-Geschichte mit herrlich amüsanten Ausflügen in Almas Fantasie und einem trockenhumorigen, perfekt getimeten Ende.

    10. The Fifth Season (La cinquième saison) (Peter Brosens & Jessica Woodworth, Belgien, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Kino-Zeit
    Irgendwo in Belgien zünden ein paar Dorfbewohner einen Reisighaufen an, um rituell den Winter zu vertreiben. Doch die Hölzer wollen nicht brennen, die Äcker keine Ernte mehr geben und die Bäume nicht mehr stehen. Die Natur bricht zusammen und mit ihr die gesellschaftliche Ordnung. Gewalt, Ausbeutung und Selbstjustiz ersetzen sie. Die fünfte Jahreszeit ist hier – trotz einiger visueller Anleihen – nicht der Karneval, sondern die ökologische Apokalypse. Brosens und Woodworth machen daraus einen stillen, bilderstarken, kunstvollen Horrorfilm, der sich allerdings etwas zu viel bei The Wicker Man bedient.

    11. Beyond the Hills (Dupa dealuri) (Cristian Mungiu, Rumänien, 2012) --- Trailer
    Es wäre eine wunderbare Vorlage für eine polemische Abrechnung mit der Kirche gewesen – doch darum, dass der institutionalisierte Glaube der homosexuellen Liebe von Voichita, einer jungen Nonne, und ihrer Jugendfreundin Alina im Weg steht, kümmert sich Regisseur Cristian Mungiu kaum. Und auch daraus, dass Voichitas selbstgerechter Priester und ihre Klosterschwestern Alina letztlich fesseln, der Kälte aussetzen, ihr die Nahrung entziehen und zu Tode foltern, weil sie die psychisch kranke Frau für vom Teufel besessen halten (ein wahrer Vorfall übrigens), macht Mungiu keine skandalisierende Anklage. Beyond the Hills ist ein ruhiger, sehr differenzierter Film, der sich auf keine Seite stellt, sondern still beobachtet und die richtigen Fragen zum Phänomen Religion stellt.

    12. Holy Motors (Leos Carax, Frankreich, 2012) --- Trailer
    In dem Moment, wo ein Regisseur sich entscheidet, Denis Lavant in den Mittelpunkt seines Films zu stellen, ist das Gelingen des Projekts eigentlich schon gesichert. Wenn diesem Regisseur dann auch noch scheißegal ist, was das Publikum von seinem Film hält, kommt so etwas wunderbar Wildes wie Holy Motors heraus. Klar, wie das eben bei Episodenfilmen so ist, gibt es ein paar schwächere Abschnitte – aber das musikalische Zwischenspiel, die elegant-erotische Motion-Capture-Sequenz und die melancholisch sinnierenden Autos machen diesen Film zu einem Unikat.

    13. The Legend of Kaspar Hauser (La leggenda di Kaspar Hauser) (Davide Manuli, Italien, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Ein androgyner, scheinbar lebloser Körper wird an den Strand einer Insel gespült. Es ist Kaspar Hauser, gespielt von einer Frau. Als der Körper unaufhörlich zum Elektro-Soundtrack von Vitalic zu zucken beginnt, nimmt sich der Sheriff (Vincent Gallo mit Langhaarperücke und Karohose) seiner an. Und dann sind da noch die UFOs... Davide Manulis Film hat so ziemlich nichts mit der Legende um Kaspar Hauser zu tun, ist aber erstens wunderbar absurd und zweitens schwarz-weiß – zwei Dinge, die auf diesem Blog stets zum Vorteil gereichen. Etwas schade ist nur, dass der Film irgendwann zum reinen Abspiel-Vehikel für die Musik von Vitalic wird.

    14. The Truth about Men (Sandheden om mænd) (Nikolaj Arcel, Dänemark, 2010) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Die Midlife-Crisis setzt bei Mads ziemlich früh ein. Mit Mitte 30 hat er die Schnauze voll von seiner wunderschönen Frau, seinem Traumjob als Drehbuchautor und seinem Haus in bester Lage. Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich bei The Truth about Men nicht um eine Komödie mit dem Mann als Witzobjekt, sondern um ein Drama über die Dialektik von Selbstverwirklichung und Reue. Mads lässt sich vom grün wirkenden Gras auf der anderen Seite des Hügels verführen, gibt seine gesicherte Existenz auf und bricht aus. Doch auf der Jagd nach dem Besseren verliert er das Gute, was er jedoch erst zu spät bemerkt. Ein pessimistischer, tiefgründiger und realistischer Film über die Unfähigkeit des Menschen zufrieden zu sein.

    15. Leviathan (Lucien Castaing-Taylor & Verena Paravel, Frankreich / Großbritannien / USA, 2012) --- Trailer
    Eine Doku über Fischfang ist mir ungefähr so egal wie wenn ein Auto in Castrop-Rauxel links abbiegt. Doch Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel machen mit atemberaubenden, hochinnovativen Kameraperspektiven einen synästhetischen Experimental-Horrorfilm daraus. Fast schon eher ein performatives Erlebnis als bloß ein Film!

    16. Shame (Steve McQueen, Großbritannien/USA, 2011) --- Trailer
    Brandon hat einen gut bezahlten Job, sieht verdammt gut aus und kriegt jeden Abend eine andere ins Bett. Doch was sich nach einem Männertraum anhört, zerstört gerade Brandons Leben. Er ist sexsüchtig und diese Krankheit macht ihn unfähig, ernsthafte zwischenmenschliche Bindungen aufzubauen. Brandon ist umzingelt von Frauen und doch furchtbar einsam. In einer wunderbar ausgeleuchteten Szene schauen wir in sein Gesicht, während er Sex hat – in seinen Zügen ist keine Lust und keine Freude mehr, sondern nur noch Leiden.

    17. We need to talk about Kevin (Lynne Ramsay, USA/Großbritannien, 2011) --- Trailer
    Als Kevin allein zu Haus ist, tötet er seinen Vater und seine Schwester. Das Schlimmste aber tut er seiner Mutter an: Er lässt sie leben. Als gescheiterte Mutter, die einen Amokläufer großgezogen hat. Lynne Ramsay konzentriert sich in ihrem mit Horrorelementen unterlegten Drama komplett auf die Beziehung zwischen Eva und ihrem – man kann es nicht anders sagen – von Natur aus bösartigen Sohn. Sein Amoklauf ist im Film nur eine unspektakuläre Randnotiz – und doch zieht sich blutiges Rot von Beginn an als stilistisches Leitmotiv durch We need to talk about Kevin.

    18. Kill me please (Olias Barco, Belgien/Frankreich, 2010) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Bouli Lanners und Benoît Poelvoorde in einer schwarz-weißen Euthanasie-Satire. Noch lustiger wird der Tod vermutlich nicht. Doch wie die meisten guten schwarzhumorigen Komödien, geht Kill me please über den Plot um sterbewillige, schräge Charaktere hinaus und erkundet Ursachen und Folgen von Suizidversuchen in westlichen Leistungsgesellschaften.

    19. The Artist (Michel Hazanavicius, Frankreich/Belgien/USA, 2011) --- Trailer
    Schön, dass ein Film es schafft, Millionen von Zuschauer in Zeiten von 3D und CGI mit den Mitteln des Stummfilms zu begeistern und bei den Oscars abzuräumen. Etwas schade ist, dass man daraus noch deutlich mehr hätte machen können. Und besonders schade ist, dass Regisseure, die das eben noch deutlich besser und vor allem weit vor Hazanavicius gemacht haben, außerhalb von Cineasten-Kreisen vollkommen unbekannt sind und so der allgemeine Eindruck entstanden ist, The Artist habe den Stummfilm quasi im Alleingang wiederbelebt.
    --> Special zu Neo-Stummfilmen auf Critic
    --> Meine Kritiken zu neueren Filmen, die auf den Stil des Stummfilm-Zeitalters anspielen
    La Antena (Esteban Sapir, Argentinien, 2007)
    My Winnipeg (Guy Maddin, Kanada, 2007)
    Kurzfilme von Deco Dawson (Deco Dawson, Kanada, 1998-2003)
    The Eternal Present (Otto Buj, Kanada, 2004)
    Blancanieves (Pablo Berger, Spanien, 2012)
    Of Freaks and Men (Pro urodov i lyudey) (Aleksei Balabanov, Russland, 1998)
    The nine Lives of Tomas Katz (Ben Hopkins, Großbritannien, 2000)
    The Beast Pageant (Albert Birney & Jon Moses, USA, 2010)

    20. Avé (Konstantin Bojanov, Bulgarien, 2011) --- Trailer
    Dass das beständig hochgehaltene und ebenso beständig verfehlte Ideal der steten Ehrlichkeit zu einer grausam-kalten Welt führen würde, hat The Invention of Lying vor zwei Jahren demonstriert. Auch im bulgarischen Road-Movie/Coming-of-Age-Drama Avé sehen wir, wie nützlich Lügen sein können – als Fluchtmechanismus oder als Trost. Und nicht zuletzt als Basis fiktionaler Erzählungen und damit auch als Grundlage des Kinos, wo Lügen als „Fantasie“ und „Kreativität“ gelten.

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    Special Mention

    An Oversimplification of her Beauty (Terence Nance, USA, 2012) --- Trailer
    Ein Liebesgedicht lässt sich in wenigen Minuten schreiben. An Oversimplification of her Beauty ist hingegen eine 93-minütige Liebeserklärung, an der Regisseur Terence Nance jahrelang gearbeitet hat. So persönlich und subjektiv diese experimentelle, selbstironische Doku auch ist – selten hat man die Tragik der unerwiderten Liebe außerhalb des eigenen Lebens so intensiv gespürt wie in diesem Film. Mit enormer stilistischer Vielfalt widmet Nance diesen Film der Frau, die er liebt. Dass sie für ihn nicht dasselbe empfindet, zerreißt einem selbst als Unbeteiligtem im Kinosessel das Herz.

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    Außerdem sehenswert

    Rent-a-Cat (Rentaneko) (Naoko Ogigami, Japan, 2012) --- Trailer
    Schräge Tragikomödie über eine junge Frau, die Katzen an einsame Menschen verleiht.

    Small Town Murder Songs (Ed Gass-Donnelly, Kanada, 2010) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Ein Polizist muss einen Mord aufklären und gleichzeitig gegen seine unterdrückten Aggressionen und Schuldgefühle ankämpfen.

    The Loneliest Planet (Julia Loktev, USA, 2011) --- Trailer --- Meine Kritik auf Kino-Zeit
    Leises, aber starkes Beziehungsdrama vor grüner georgischer Berglandschaft, das moderne heterosexuelle Paarbeziehungen auf klassische Rollenmuster abklopft.

    Beasts of the Southern Wild (Benh Zeitlin, USA, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Blogville
    In der Fantasie der kleinen Hushpuppy mutieren reale Bedrohungen – ein Wirbelsturm und die tödliche Krankheit ihres verwitweten Vaters – zu bösartigen Monstern.

    Compliance (Craig Zobel, USA, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Eine Art Update zum Milgram-Experiment: Wie weit sind Menschen bereit, gegen ihre moralischen Grundsätze zu verstoßen, wenn eine Autorität ihnen das befiehlt?

    Beyond the Hill (Tepenin Ardi) (Emin Alper, Türkei, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Kino-Zeit
    In den Bergen Anatoliens entspinnt sich eine (durchaus auch politisch lesbare) Parabel darüber, wie man künstliche Feinde schafft, um innere Risse zu überdecken, Kritik zu unterdrücken und Zusammenhalt herzustellen.

    The Baron (O Barão) (Edgar Pêra, Portugal, 2011) --- Trailer
    Skurril endender, grusliger Neo-Stummfilm, der auf einem verloren gegangenen Film von 1943 beruht.

    Mondomanila (Khavn de la Cruz, Philippinen, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Kino-Zeit
    Guerilla-Style-Mockumentary aus den philippinischen Slums, die beständig zwischen Exploitation und Experimentalfilm changiert.

    You too (Ya tozhe khochu) (Aleksey Balabanov, Russland, 2012) --- Trailer
    Starkes metaphysisches Drama, wenn auch ziemlich von Tarkowskis Stalker abgekupfert.

    Blancanieves (Pablo Berger, Spanien, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Schneewittchen wird in diesem Neo-Stummfilm zur Stierkämpferin, die mit den Sieben Zwergen durch Spanien tourt.

    The Ides of March (George Clooney, USA, 2011) --- Trailer
    Fesselndes Politdrama über Idealismus und Desillusionierung im amerikanischen Wahlkampf.

    Codependent Lesbian Space Alien Seeks Same (Madeleine Olnek, 2011, USA) --- Trailer
    Schwarz-weiße Queer-Komödie über, ja, lesbische Aliens eben.

    Chapiteau-Show (Shapito-shou) (Sergej Loban, Russland, 2011) --- Trailer --- Meine Kritik auf Kino-Zeit
    Wilder, gigantomanischer Episodenfilm, der unter viel Humor letztlich doch Pessimismus versteckt.

    Tabu (Miguel Gomes, Portugal, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Blogville
    Schwarz-weißes Liebesdrama, das geschickt mit der Tonspur spielt.

    Martha Marcy May Marlene (Sean Durkin, USA, 2011) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Eine Frau versucht sich von ihrer Sekte zu lösen, doch findet ohne sie keinen Halt im Leben.

    Goodnight Nobody (Jacqueline Zünd, Schweiz, 2010) --- Trailer
    Beängstigende, kunstvolle Doku über Menschen, die nicht schlafen können – seit Jahren.

    Kooky (Kuky se vrací) (Jan Sverák, Tschechische Republik, 2010) --- Trailer
    Ebenso berührender wie actionreicher Stop-Motion-Film über ein ausgesetztes Kuscheltier auf der Suche nach einem Zuhause und Freunden.

    Die Wand (Julian Pölsler, Deutschland/Österreich, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Kino-Zeit
    Stille, etwas zu wortlastige Verfilmung von Marlen Haushofers apokalyptisch-philosophischem Roman.

    Amour (Michael Haneke, Frankreich, 2012) --- Trailer
    Ein für Hanekes Verhältnisse erstaunlich humanistisches, nicht ganz konsequent durchgezogenes Drama über eine Frau, die zum Pflegefall wird, und ihren Ehemann, der damit fertig werden muss.

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    Goldene Himbeere

    Life of Pi (Ang Lee, USA/Taiwan, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Religiöse Propaganda kombiniert mit sentimentalem Kitsch. Unerträglich manipulativer Crowd Pleaser.

    After (Ryan Smith, USA, 2012) --- Trailer --- Meine Kritik auf Kino-Zeit
    Billiges Mystery-Horror-Fast-Food, das vor allem über Musik statt über Bilder funktioniert.

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    Martin Gobbin
    www.critic.de/redaktion/martin-gobbin/
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  • Tabu - Ein Selektivtonfilm

    Tabu von Miguel Gomes gilt vielen Kritikern als einer der besten Filme des Jahres. Da es ein Schwarz-Weiß-Film ist, der noch dazu explizit Stilmittel des Stummfilms einbezieht, musste ich den natürlich sehen...

    Tabu
    Miguel Gomes

    Portugal, 2012
    7/10 Punkte
    IMDB: Tabu

    Kurz & Knapp:
    Die Tragik des falschen Zeitpunkts: Tabu erzählt eine gewöhnliche Liebesgeschichte in exquisiter Form.

    Farbig ist das Bild im Kino schon lange. In den letzten Jahrzehnten ist es außerdem breiter, tiefer und schärfer geworden. Cinemascope, 3D und 4K sind die Schlagworte dieser Entwicklung. Immer mehr Bilder entstehen heute am Computer statt in der Kamera. Doch zu jedem Trend gibt es eine Gegenbewegung – und so erleben das alte 4:3-Format, schwarz-weiße Zelluloidaufnahmen und sogar der Stummfilm aktuell eine Renaissance. The Artist ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.

    Inmitten dieser Retrowelle schwimmt Tabu vom portugiesischen Regisseur Miguel Gomes. Als „Selektivtonfilm“ könnte man jenes Werk beschreiben, das auf der diesjährigen Berlinale zwei Nebenpreise gewann. Denn Gomes dreht seinen Figuren während der letzten 60 Minuten zwar die Dialoge ab, übernimmt jedoch die (meisten) Umgebungsgeräusche und arbeitet mit voice-over-Kommentaren. So hören wir das Platschen von Steinen im Wasser, während zwei Menschen stumm miteinander reden – oder hören Popsongs aus dem Off und sehen die Protagonisten ihre Lippen dazu bewegen wie beim Playback in TV-Shows. Diese Isolierung einzelner Geräuschquellen lenkt die Aufmerksamkeit geschickt auf die sonst oft unauffällige, weil selbstverständlich erscheinende Tonspur.

    Ja, einen Plot gibt es auch. Im ersten Teil lernen wir die altruistische Pilar (Teresa Madruga) kennen, eine jung gebliebene Rentnerin, die an stramm durchorganisierten Mahnwachen teilnimmt, für Benachteiligte kämpft und die eigene Einsamkeit darüber vergisst. Ihre Nachbarin Aurora (Laura Soveral) ist eine spielsüchtige, senile und rassistische Greisin, die nicht gerade als Identifikationsfigur dient. Doch genau daraus entsteht der Coup von Tabu, denn nach 50 Minuten folgt eine radikale Zäsur, die – passend zum Look des Films – mit der Gegenwart bricht und in die Vergangenheit reist. Genauer: zum fiktiven Monte Tabu im Mosambik der Kolonialzeit.

    Dort sehen wir Aurora erneut – und doch ist sie nicht wiederzuerkennen. Statt der verbitterten Alten begegnet uns eine lebensfrohe, schöne junge Frau (Ana Moreira), die mit ihrem Mann ein luxuriöses Leben führt und dieses riskiert, als sie mit dem Draufgänger Gian Luca (Carloto Cotta) eine Affäre beginnt. Was folgt, ist eine tragische Romanze mit höchst pathetischen Liebesbriefen, wie man sie sonst eher aus Schnulzen kennt.

    Dass die erzählerische Ebene im zweiten Teil arg konventionell ist, scheint durchaus gewollt zu sein, denn so gilt das Augenmerk weniger dem Inhalt als der Form. Neben dem Schwarz-Weiß-Look und dem eigenwilligen Umgang mit der Tonspur fällt auf, wie verspielt Gomes agiert. Wolken verwandelt er durch Zeichnungen in Lebewesen. Einen Mord zeigt er aus der Sicht des Opfers: vor dem Schuss hält sich der Mann die Hände vor das Gesicht (und somit vor die Linse), danach kippt die Kamera auf die Seite und bleibt reglos liegen, wir sehen das Bild um 90 Grad gedreht.

    Auch die Konzepte hinter Tabu macht Gomes sichtbar, indem er den Plot in den Hintergrund rückt. Wird im ersten Teil deutlich, wie sich die koloniale Rassenhierarchie im heutigen Portugal fortsetzt, so zeigt uns der zweite Teil die Ursache dieser Wirkung. Vor allem aber steht die Idee von einer Person mit mehreren Persönlichkeiten im Zentrum des Films. Die Tragik des falschen Zeitpunkts hat aus der bezaubernden jungen Aurora ein altes Biest gemacht. Der Bruch in der Mitte des Films ist der Bruch in ihrem Leben. Hätte sie Gian Luca vor ihrem Ehemann kennengelernt, wäre ein anderer Mensch aus ihr geworden. Ein Leben, mehrere Perspektiven. Wir sollten Menschen also nicht ständig nur in Schwarz und Weiß betrachten. Außer natürlich im Kino.

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    Martin Gobbin
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  • Fantasy Filmfest 2012 (Teil 2)

    Eine weitere Reihe von Kurzkritiken (und Links zu anderswo veröffentlichen Langkritiken) zum Fantasy Filmfest 2012:

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    Beasts of the Southern Wild (Benh Zeitlin, USA 2012)
    7/10 Punkte
    Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB / Trailer

    Wie grausam Hurrikane á la „Katrina“ sein können, zeigt sich aktuell in den tragischen Konsequenzen des Sturms „Isaac“ an der Südostküste der USA: Wie schon 2005 mussten auch diesmal wieder mehrere Football-Spiele abgesagt werden. Quvenzhané Wallis war gerade einmal zwei Jahre alt, als „Katrina“ das Stadion der New Orleans Saints schwer beschädigte. Sie spielt die Hauptrolle in einer der größten Festivalüberraschungen dieses Jahres: Beasts of the Southern Wild. Und eins vorneweg: Kinder-Darsteller werden ja eigentlich immer gelobt, wie reif und akzentuiert sie angeblich spielen. Quvenzhané Wallis aber, die mit nur fünf Jahren für den Film gecastet wurde, ist als Hushpuppy wirklich großartig.

    Hushpuppy lebt mit ihrem verwitweten Vater (Dwight Henry) in der „Bathtub“, einem ständig von Stürmen und Fluten bedrohten Landstrich an der Küste von Louisiana. Ein Damm trennt jenes Hinterland von der Stadt New Orleans, trennt die Wildnis von der Zivilisation. Als ein gewaltiger Sturm naht, verlassen viele „Bathtub“-Bewohner ihre Heimat und ziehen hinter den Damm, in die relative Sicherheit. Hushpuppys Vater aber ist zu stolz und stur dafür und verweigert die Kapitulation vor der Natur. So lernt das kleine Mädchen zum ersten Mal im Leben richtige Angst kennen – vor dem Hurrikan und vor allem vor dem baldigen Tod des herzkranken Vaters.

    Der bildgewaltige Film zeigt Hushpuppys coming-of-age konsequent aus ihrer kindlichen Perspektive. Reale Bedrohungen verwandeln sich in ihrer Fantasie zu Monstern – gigantischen Auerochsen, die die Erderwärmung aus dem ewigen Eis befreit. Diese Manifestation ihrer Ängste in magischen Vorstellungen führt zu einem Strom visueller Glanzpunkte. Regisseur Benh Zeitlin und Kameramann Ben Richardson haben mit großer Geduld und extrem wachsamem Auge viele kleine, schöne Details eingefangen an diesem verwunschenen, von der Zeit vergessenen Ort. Wälder, Feuer, Wasser, Baumskelette, ein skurriles Boot und nicht zuletzt die (ohne Computeranimationen auskommenden) Auerochsen.

    Beasts of the Southern Wild ist ein visuell grandioser, extrem fantasievoller, mit viel Leidenschaft gemachter Film. Dem enormen Hype um das Debüt Benh Zeitlins kann ich dennoch nur mit Einschränkungen zustimmen. Das liegt zum Beispiel an der Tonspur, die mit einem recht pathetischen Soundtrack und einem mitunter etwas gestelzt-verkünstelten voice-over-Kommentar leider von den großartigen Bildern des Films ablenkt. Zudem erliegt Zeitlin ein wenig dem chique pauvre seiner Protagonisten. Um die zivilisationskritische Haltung des Werks zu verstärken, werden die Bewohner der „Bathtub“ gelegentlich zu „edlen Wilden“ hochstilisiert. All das macht Beasts of the Southern Wild zu einem ergreifenden Film, der seinen Zuschauern diese Emotion jedoch ein wenig zu sehr aufzwingt.

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    Compliance (Craig Zobel, USA 2012)
    7/10 Punkte
    Meine Kritik auf Critic
    Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB / Trailer

    Es gab wütende Proteste gegen diesen Film – immer wieder seit der Premiere beim diesjährigen Sundance-Festival. Regisseur Craig Zobel wurde vorgeworfen, seinen psychologisch unterfütterten Plot nur auszunutzen, um die Hauptdarstellerin Dreama Walker als Sexobjekt auszustellen und die sadistischen Gelüste seiner Zuschauer zu bedienen. Wie gut Compliance ist und ob er sein pädagogisches Ziel erreicht, ist sicherlich diskutabel. Wie man diesem rundum unsensationalistischen Film, der sich bei der Darstellung von Missbrauchshandlungen äußerst zurückhaltend verhält, jedoch Exploitation vorwerfen kann, ist mir ein absolutes Rätsel. Davon ist er meilenweit entfernt.

    Die Handlung bezieht sich auf Ereignisse, die in ähnlicher Form immer wieder stattgefunden haben: Ein Mann (Pat Healy) ruft in einem Fast-Food-Restaurant an, gibt sich als Polizist aus und berichtet der Filialleiterin Sandra (Ann Dowd), die junge Kassiererin Becky habe eine Kundin bestohlen. Er fordert Sandra auf, Becky festzuhalten und zu durchsuchen. Sandra kooperiert auch dann noch, als die Befehle des vermeintlichen Polizisten immer extremer und demütigender werden. Und sie bleibt nicht die einzige, die sich an diesem Abend an Becky vergreift und zur Komplizin des kriminellen Hochstaplers wird.

    Compliance untersucht die Autoritätshörigkeit des Menschen, den blinden Gehorsam angesichts von Befehlen und Verantwortungsdelegation. Damit bezieht er sich auf die berühmten Milgram-Experimente, die erforschten sollten, wie Millionen braver Durchschnittsmenschen in Nazi-Deutschland zu gewissenlosen Helfern des NS-Regimes werden konnten. Die Übersetzung dieser Forschungsfrage in eine konkrete Alltagsgeschichte gelingt dem stilsicher inszenierten Film sehr gut. Nur macht er den Zuschauer – anders als Michael Haneke – nicht zum Mittäter, sondern belässt ihn in einer distanzierten Beobachterrolle, die es dem Kinobesucher ermöglicht, das Verhalten der Beteiligten zu verurteilen und sich selbstgerecht über sie zu erheben, in der trügerischen Gewissheit, in einer vergleichbaren Situation selbst anders, besser, zu reagieren.

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    God bless America (Bobcat Goldthwait, USA 2011)
    6/10 Punkte
    Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB / Trailer

    Filme sind dazu da, Träume im fiktiven Raum zu verwirklichen, die sich in der Realität nicht umsetzen lassen. Zum Beispiel die Wunschvorstellung, rücksichtslos quatschende Kinozuschauer einfach abzuknallen, damit man seine Ruhe hat und sich auf den Film einlassen kann. Eine entsprechende Szene hält God bless America für misanthropische Cineasten wie den Autor dieser Zeilen bereit. Doch die dabei gezeigten Morde sind nur ein Bruchteil dessen, was Frank (Joel Murray) und Roxy (Tara Lynne Barr) gemeinsam anrichten. Sie erfüllen sich den zutiefst sympathischen Traum, die Welt von nervigen Zeitgenossen zu befreien. Auf ihrer Abschussliste landen zum Beispiel verzogene Gören, rechtsradikale TV-Moderatoren und Falschparker.

    Frank ergeht es ähnlich wie Michael Douglas‘ Figur in Falling Down: Er wird entlassen, seine Ex-Frau und Tochter ignorieren ihn und dann diagnostiziert Franks Arzt auch noch Krebs. Fortan führt er zusammen mit der von zu Hause geflüchteten Schülerin Roxy einen Rachefeldzug gegen alles Primitive, Rücksichtslose und Nervtötende.

    Regisseur Bobcat Goldthwait gelingen einige schön makabre Szenen und so mancher politisch inkorrekte Witz, allen voran die Abschlachtung eines kreischenden Babys, dessen Blut daraufhin die Mutter bespritzt. Ansonsten aber erinnert der Film recht stark an Super vom Fantasy Filmfest 2011. Und Goldthwait kann das Predigen nicht lassen – immer wieder wird die Handlung durch lange kulturkritische Monologe Franks unterbrochen, die mit ihrem trockenen Ernst den Humor des Films sabotieren.

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    Chained (Jennifer Chambers Lynch, USA 2011)
    5/10 Punkte
    Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB / Trailer

    Rabbit. So nennt Serienkiller Bob (Vincent D'Onofrio) seinen jugendlichen Haussklaven. Rabbit (Eamon Farren) hat sein halbes Leben im heruntergekommenen, düsteren und vor allem isolierten Haus des grobschlächtigen Mannes verbracht. Angekettet, damit er nicht fliehen kann. In regelmäßigen Abständen kidnappt Bob junge Frauen, vergewaltigt sie und bringt sie schließlich um. Im Leichenkeller des Hauses liegt auch Rabbits Mutter begraben. Dann, eines Tages, entführt Bob eine Schülerin. An ihr soll Rabbit zeigen, was er von seinem Peiniger gelernt hat.

    Der Inhalt von Chained hört sich äußerst verstörend, weil realistisch an – man denke an die österreichischen Fälle Fritzl und Natascha Kampusch, die sich im Drama Michael niederschlugen, oder an den Film An American Crime, der auf wahren Begebenheiten beruht.
    Dass die amerikanische Filmratingagentur MPAA dem neuesten Werk von Lynch-Tochter Jennifer das harte Urteil "NC-17" (ab 18 Jahren) verpasst hat, ist dennoch überraschend. Denn so bedrückend das Thema auch ist, rein sinnlich liefert Chained weit weniger Blut, Gewalt und Folter als der Durchschnitts-Horrorfilm von heute.

    Allerdings ist Chained selber nicht viel mehr als ein mittelmäßiger Horrorfilm. Die Inszenierung des unheimlichen, Verlies-artigen Hauses gelingt und auch die Beobachtung der ambivalenten Beziehung zwischen Täter und Opfer beinhaltet einige überzeugende Momente. Doch Lynch beruft sich auf ein viel zu eindeutiges, psychologisch reduktionistisches Motiv für die Herleitung von Bobs gestörtem Verhalten (das vielleicht schlichtweg nicht zu erklären ist). Das Ende ist zudem ziemlich losgelöst vom Rest des Films. Es wirkt, als habe Lynch das Bedürfnis verspürt, ihrem recht geradlinigen Werk doch noch einen Twist zu verleihen.

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    After (Ryan Smith, USA 2012)
    4/10 Punkte
    Meine Kritik auf Kino-Zeit
    Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB / Trailer

    Im Mystery-Horrorfilm After gibt es einen Unfall, bei dem ein Bus als Totalschaden endet. Das Gleiche kann man vom Film selbst auch behaupten. Einige Wochen nach dem Crash wachen Ana (bildschön und untalentiert: Karolina Wydra) und Freddy (nicht ganz so schön, aber auch untalentiert: Steven Strait) aus ihrem Koma auf. Vermeintlich. Wie The Others, The Sixth Sense oder zuletzt Babycall spielt der Film das alte Ratespiel, in welcher Dimension sich die Beiden wohl befinden.

    Die reale Welt scheint es eher nicht zu sein, denn ihre Heimatstadt ist plötzlich wie ausgestorben, eine Brechreiz-verursachende schwarze Rauch-Wand umhüllt den Ort und ein ebenso hässliches wie schlecht gelauntes Monster macht Jagd auf die beiden Protagonisten. Diese wiederum brauchen jenen Schlüssel, der sich im Brustkorb des Monsters befindet, um eine alte Schlosstür zu öffnen und aus ihrem Paralleluniversum zu entkommen. Alles klar?

    Einzelne Szenen sind nicht schlecht komponiert, doch After funktioniert primär über seine Musik statt über die Bilder. Das Visuelle wird von der Tonspur unterworfen, der Zuschauer bevormundet. Kitschig ist der Film auch noch. Wenn Regisseur Ryan Smith Busfahrer geworden wäre, hätte er sein Gefährt wohl frontal gegen eine Wand gefahren.

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    Martin Gobbin
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  • Fantasy Filmfest 2012

    Eine (ständig aktualisierte) Reihe von Kurzkritiken (und Links zu anderswo veröffentlichen Langkritiken) zum Fantasy Filmfest 2012:

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    Excision (Richard Bates Jr., USA 2012)
    8/10 Punkte
    Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB / Trailer

    Excision ist das, was ich ein „trojanisches Pferd“ nenne. Er tut so, als ob er ein Horrorfilm sei, um das entsprechende Publikum ins Kino zu locken, erfüllt auch brav die nötigsten Genre-Konventionen (d.h. er liefert Blut und Gewalt), kidnappt seine Zuschauer aber dann und entführt sie unter dem Deckmantel des Horrorgenres in die Tiefe der Kunst.

    Pauline (AnnaLynne McCord) ist eine Außenseiterin – in der High School, in der Familie, im Leben. Sie ist die sadistische, psychisch gestörte Variante von Daria. Sie hat blutige Sex-Fantasien, ein ungesundes Interesse an Amateur-Chirurgie und einen Blick, der einem das Fürchten lehrt.

    Excision ist von äußerst schwarzem Humor geprägt, gestattet Trash-Legende John Waters einen absurden Gastauftritt und weiß sein eher begrenztes Budget maximal effektiv einzusetzen. Für opulent-surreale Bilder braucht dieser Film nicht mehr als eine himmelblaue Wand, ein paar weiße Kleider und viel Kunstblut.

    Die größte Stärke von Excision besteht aber in der Tiefgründigkeit seiner sozialen Analyse. Der wahre Horror besteht hier nicht aus Paulines soziopathischem Verhalten, sondern aus ihrer verbitterten Mutter und ihrem emotional abwesenden Vater. Zudem glorifiziert der Film Paulines Außenseitertum nicht, sondern zeigt, wie sie trotz des nach außen getragenen Stolzes innerlich unter ihrer Andersartigkeit leidet – und wie es sie zerreißt, einerseits ihre coole Nonchalance wahren zu müssen und sich gleichzeitig dafür zu hassen, ihre Liebe zu Schwester und Eltern nicht zeigen zu können. Je länger der Film andauert, desto mehr rückt statt der Horror-Elemente das Leiden an der emotionalen Kälte in den Vordergrund – der eigenen und der des Umfelds.

    Zudem gelingt Excision eine Selbstbeschränkung, wie sie nur wenige Filme schaffen: Trotz eines Überflusses an narrativen und stilistischen Ideen endet das Spielfilm-Debüt von Regisseur Richard Bates Jr. im exakt richtigen Moment mit dem exakt richtigen Bild.

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    Sightseers (Ben Wheatley, Großbritannien 2012)
    7/10 Punkte
    Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB

    2011 war auf dem Fantasy Filmfest Kill List von Ben Wheatley zu sehen – ein großer internationaler Überraschungserfolg, der den Regisseur bekannt machte (den ich allerdings, wie in meiner Kritik beschrieben, als zu willkürlich und plagiarisierend empfand). Ein Jahr nach diesem Thrillerdrama kehrt Wheatley nun mit einer schwarzen Road-Movie-Komödie über ein Durchschnittspaar zurück, das im Urlaub seine Freude am Morden entdeckt.

    Diese Idee ist beileibe nicht neu, aber Sightseers fügt dem Genre ein paar schön makabere Witze hinzu. Der Film ist vergnüglich und gerade am Anfang wunderbar satirisch inszeniert, bleibt aber letztlich substanzlos. Das vom Comedy-Duo und Hauptdarsteller-Paar Alice Lowe und Steve Oram geschriebene Drehbuch wirkt eher wie Stand-up-Comedy als wie ein Filmskript. Die Handlung springt von Mord zu Mord, von Witz zu Witz, schafft aber zu wenig Verbindungen dazwischen, sodass eine bloße Aufreihung von amüsanten Szenen entsteht.

    Und wenn der Film auch als unkonventionell vermarktet wird: Innerhalb des Fantasy Filmfests ist Sightseers mit seinem Galgenhumor und seinen Gore-Elementen geradezu ein Crowd Pleaser. Nischen-Mainstream sozusagen.

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    Violet & Daisy (Geoffrey Fletcher, USA 2011)
    7/10 Punkte
    Meine Kritik auf Critic
    Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB

    Kleider machen Leute. Deshalb wollen die Teenie-Mädchen Violet (Alexis Bledel) und Daisy (Saoirse Ronan) unbedingt das neue Kleid aus der Kollektion ihrer Lieblingssängerin haben. Sie morden sogar dafür, schließlich sind sie Profikillerinnen. Violet & Daisy nutzt genau diesen Kontrast aus mädchenhaft-naivem Verhalten und eiskalten Auftragsmorden für seinen ziemlich schwarzen Humor, der in einem grandiosen „Internal Bleeding Dance“ kulminiert.

    Doch aus der morbiden Komödie wird nach und nach ein Kammerspiel-Drama, wenn Violet und Daisy auf einen alten Mann (Sopranos-Star James Gandolfini) treffen, den sie umbringen sollen, aber nicht können, weil er einfach zu liebenswürdig ist. Dieser versuchte Sprung vom Komischen zum Tragischen missglückt, weil das Regie-Debüt von Precious-Autor Geoffrey Fletcher dabei immer sentimentaler wird.

    Solange Violet & Daisy sich als schwarze Komödie versteht, ist er stark und voller Witz. Doch je mehr aus dem Aufeinandertreffen von sterbewilligem Opfer und tötungsunwilligen Tätern eine introspektive Therapiesitzung wird, desto konventioneller und prüder zeigt sich dieser auf den ersten Blick so schräge Film.

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    Beast (Christoffer Boe, Dänemark 2011)
    7/10 Punkte
    Meine Kritiken auf Critic und Kino-Zeit
    Seiten zum Film: Fantasy Filmfest / IMDB / Trailer

    Ein Mann wird aus Liebe zur Bestie. Seine Liebe entwickelt sich zur Obsession, sie lässt ihn immer mehr die Kontrolle über sich verlieren und bringt ihn letztlich sogar ins Krankenhaus, wenn sich das psychische Leid des Liebesverlusts in physischem Leid, in Body Horror, manifestiert.

    Anhand von Bruno, einem massiven „Problembären“ (wunderbar physisch dargestellt von Nicolas Bro), zeigt Beast die dunkle Seite der Liebe und hat dabei auch einige schöne stilistische Ideen – insbesondere die verkanteten Perspektiven, die visuell vermitteln, wie Brunos Welt aus dem Lot gerät.

    Dass ich mich dennoch über den Film geärgert habe, liegt einerseits an seiner sinnlosen Einbindung grottiger CGI-Sequenzen, auf die ich allgemein allergisch bin – und vor allem an seiner impliziten Diffamierung von Tieren, worauf ich besonders allergisch bin (siehe meine Kritik zu Frozen vom Fantasy Filmfest 2010). Sieht man aber von solchen persönlichen Aversionen ab, ist Beast ein solider Arthouse-Horrorfilm.

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    Martin Gobbin
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  • Who killed Marilyn?

    Who killed Marilyn? (OT: Poupoupidou)
    Gérald Hustache-Mathieu
    Frankreich, 2011
    6/10 Punkte
    IMDB: Who killed Marilyn?

    Kurz & Knapp:
    Reinkarnation der Diva: Ein französischer Arthouse-Krimi lässt die Monroe auferstehen – und gleich wieder sterben.

    Im No Man's Land, einem politisch neutralen Landstreifen zwischen Frankreich und der Schweiz, wird eine Leiche gefunden. Es handelt sich dabei um die schöne Martine (Sophie Quinton), ein Dorf-Starlet mit dem Künstlernamen Candice Lecoeur, dessen Karrierehöhepunkt ein Werbespot für Weichkäse war. Martine mag tot sein, aber den Mund lässt sie sich trotzdem nicht verbieten. „Selbst kalt bin ich noch das heißeste Mädchen hier“, frotzelt sie einmal im voice-over-Kommentar.

    Warum musste Martine sterben? David (Jean-Paul Rouve), ein eigenbrötlerischer Schriftsteller, glaubt nicht an die offizielle Version vom Suizid – er vermutet einen Mord. Eigentlich ist David nur kurz aus Paris in seine öde Heimatregion im Osten Frankreichs zurückgekehrt, um sein Erbe anzutreten – allerdings besteht dieses zu seiner Enttäuschung lediglich aus einem ausgestopften Hund. Damit sich der Trip doch noch lohnt, wandelt sich der gelangweilte Bohémien zum Privatdetektiv. Er bricht in Häuser ein, entwendet Tagebücher und nutzt sein hypersensibles Gehör, um den Fall zu lösen. Als aber manipulierte Kabel in seinem Hotelzimmer einen lebensgefährlichen Stromschlag verursachen und die Bremsen seines Autos während einer Fahrt plötzlich aussetzen, wird David klar, dass es in dem verschlafenen Nest auch Menschen gibt, die eine Aufklärung des rätselhaften Todesfalls mit allen Mitteln verhindern wollen.

    So richtig scheint Regisseur Gérald Hustache-Mathieu seiner Geschichte nicht zu vertrauen, denn er belässt es nicht bei diesem einfachen Kriminalplot. Stattdessen besteht der vermeintliche Clou des Films darin, dass Martine nicht nur wie Marilyn Monroe aussieht, sondern auch biographisch mit der Hollywood-Legende verbunden ist. Sie unterhält eine Affäre mit dem regionalen Präsidenten, einem in den USA geborenen Politiker mit den Initialen JFB, der einen tragischen Tod sterben wird. Auch diverse Gesangseinlagen von Martine - Happy Birthday, Mr. President und I wanna be loved by you - spielen auf das Verhältnis zwischen Marilyn Monroe und John F. Kennedy an. Letztlich sind diese möchtegern-raffinierten Parallelen zwischen dem Dorf- und dem Weltstar ein arg bemüht wirkender Versuch der Selbstaufwertung durch die abwesende Anwesenheit eines VIPs. Hier will der Film mehr sein als er ist. Doch der Ruhm der Monroe mag nicht so recht abfärben auf Who killed Marilyn?.

    Das liegt auch daran, dass die Figurenzeichnung mitunter etwas fragmentarisch bleibt, vor allem beim Psychogramm der labilen Martine, die in das Alter Ego der Candice schlüpft, um ihrer banalen Existenz zu entfliehen. Doch selbst inmitten ihrer zahlreichen Fans und Verehrer fühlt sie sich furchtbar einsam. Aus dieser psychologischen Konstellation hätte man mehr machen können.
    Dass der Film zudem an entscheidenden Stellen recht unplausibel wirkt, insbesondere was die nahezu hellseherischen Eingebungen Davids betrifft, ist auch nicht eben hilfreich.

    Regisseur Gérald Hustache-Mathieu mag sich und sein Werk ein wenig zu ernst nehmen, doch an amüsanten kleinen Momenten mangelt es darin nicht. Da gibt es den Priester, der bei Martines Trauerfeier Turntables in der Kirche aufstellt und zum DJ wird. Oder eine Szene, in der David erst beschwörend auf ein Motorrad einredet und es anschließend auf ebenso ungewöhnliche wie unbeholfene Weise vorwärts bewegt.

    Auch visuell hat Who killed Marilyn? einige schöne Ideen, vor allem in den durchgestyleten Werbespots, mit denen Martine den Weg zum Ruhm zu beschreiten versucht. Am faszinierendsten ist jedoch eine eher unscheinbare Einstellung – eine Aufsicht in der Sauna, die so mit der Tiefenschärfe spielt, dass zwei auf unterschiedlich hohen Bänken liegende Männer nebeneinander platziert zu sein scheinen. Hier verflacht die Vogelperspektive das Bild so sehr, dass sämtliche dreidimensionale Höhenunterschiede nivelliert werden.

    Nur hätte dem Film eben etwas mehr Bescheidenheit gut getan. Gerade das französische Kino hat ja aus ganz schlichten Kriminalgeschichten immer wieder große Kunstwerke geschaffen. Who killed Marilyn? aber krankt an übersteigerten Ambitionen. Weniger wäre hier wohl mehr gewesen.

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    Martin Gobbin
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  • Griechische Alpen

    2009 lief in Cannes ein Film, den ich nach wie vor für eines der wichtigsten Werke der letzten fünf Jahre halte. Natürlich kam dieser grandiose Film, Dogtooth von Giorgos Lanthimos, in Deutschland nicht ins Kino. Ab dem 14.6. dieses Jahres ist nun aber seine nachfolgende Arbeit in den deutschen Kinos zu sehen: Alpen.

    Alpen (OT: Alpeis)
    Giorgos Lanthimos
    Griechenland, 2011
    8/10 Punkte
    IMDB: Alpen

    Kurz & Knapp:
    Eine Gruppe von vier Menschen, die sich 'Alpen' nennen, kümmern sich aufopferungsvoll um die trauernden Hinterbliebenen von kurz zuvor Verstorbenen. Doch was die Alpen dabei wirklich im Schilde führen, ist der Gipfel.

    Immerhin: Mit drei Jahren Verspätung ist nun auch die – den Entwicklungen des Weltkinos notorisch hinterher hinkende – deutsche Kinolandschaft auf die neue Welle griechischer Filme aufmerksam geworden. 2009 hatte Giorgos Lanthimos sein Land mit der ebenso perfiden wie intelligenten Parabel Dogtooth wieder auf der cineastischen Weltkarte sichtbar gemacht. Diese auch als politische Dystopie lesbare Groteske über die Erstickungspotentiale elterlicher Liebe, die in Isolationshaft und propagandistischer Manipulation endet, räumte in Cannes, Stockholm und bei zahlreichen weiteren Festivals Preise ab, kam in fast jeder Jahresbestenliste vor und fand dennoch in Deutschland keinen Verleih. 2010 überzeugte Attenberg in Venedig – die von Teilen des Dogtooth-Teams produzierte absurde Komödie erreichte im Mai dieses Jahres auch endlich das deutsche Publikum. 2012 präsentierten die Festivals in Sundance und Rotterdam mit L wiederum eine bizarre Humoreske, an der erneut mehrere Personen aus dem Umfeld von Dogtooth und Attenberg beteiligt waren. Mit Alpen, dem neuen Film des Dogtooth-Regisseurs Giorgos Lanthimos, schließt sich nun der Kreis.

    In Alpen sehen wir ein innerlich gebrochenes Ehepaar im Krankenhaus sitzen. Eine Pflegerin (Aggeliki Papoulia) weint mit den beiden, nachdem sie ihnen mitgeteilt hat, dass ihre jugendliche Tochter einen Autounfall nicht überlebt hat. Und dann folgt ein Angebot, das dem Zuschauer – der zu diesem Moment noch völlig im Unklaren ist über die Stoßrichtung des Films – den Boden unter den Füßen wegreißt: „Ich kann sie ersetzen.“ Und: „Die ersten vier Besuche sind kostenlos.“

    Die Alpen sind der Gipfel! Angeführt von einem autoritären Führer, der sich Mont Blanc nennt, sucht diese Viererbande nach Trauernden, die vor kurzem einen geliebten Menschen verloren haben. Die emotionale Notlage der Hinterbliebenen nutzen die Gruppenmitglieder zur eigenen Bereicherung aus, indem sie die Toten darstellen, Schlüsselszenen reinszenieren sowie typische Handlungsweisen und Äußerungen der Verstorbenen einstudieren. Gegen Geld spenden sie Nähe und Trost und beuten so die psychische Labilität der Überlebenden gnadenlos aus. Doch als sich das Schauspiel der Reanimierung immer mehr mit dem eigenen Privatleben vermischt, kommen auch die psychischen Defekte der jungen Pflegerin ans Licht. Wann sie in und wann out of character ist, lässt sich nicht mehr eindeutig unterscheiden.

    Mehr noch als seine Vorgänger aus der neuen griechischen Welle glänzt Alpen mit pechschwarzem Humor. In einer frühen Szene sehen wir, wie die Pflegerin einem nahezu komatösen Tennisstar einen Schläger in die Hand drückt, Bälle dagegen wirft und dabei mitunter die Patientin statt das Spielgerät trifft. Einer Turnerin ergeht es nicht viel besser – sie hat man falsch herum an den Ringen einer Sporthalle aufgehängt; aus dieser Position muss sie als Strafe einen vorgegebenen Text immer wieder aufsagen. Und kurz vor Schluss macht der Führer der Gruppe einen zunächst sinnlos anmutenden Test, ob sich ein weißer Stab urplötzlich blau oder rot verfärben kann. Ja, er kann – und zwar erneut über den Umweg bitterbösen Humors.

    Die Komik von Alpen erwächst hauptsächlich aus dem Kontrast der nüchtern-ausdruckslosen Mimik der Figuren und ihrer hochgradig absurden Handlungen – sei es eine knochentrockene Bruce-Lee-Imitation mit Lippenstiftstrichen als blutigen Wunden, eine pflichtschuldig und vollkommen leidenschaftslos durchexerzierte Sexszene oder der Ausruf einer Blinden: „Geh mir aus dem Blickfeld!“ Zu dieser Mischung aus abnormem Verhalten und gleichzeitigem Stoizismus gesellen sich noch zahlreiche non-sequiturs hinzu, eine der Lieblingszutaten allen absurden Humors. Wie schon in Dogtooth erschafft Lanthimos so aus dem „Zwangsrealismus des Films“ (Maya Deren) heraus wundersamerweise eine surreale Welt.

    Und ebenfalls wie in Dogtooth bricht zum Ende hin unvermittelt Gewalt aus und dient ein außer Kontrolle geratener Tanz als Ventil für seelischen Leidensdruck. Aus der anfänglichen schwarzen Komödie wird mehr und mehr ein Psychodrama, das auch vor Body-Horror-Elementen nicht zurückscheut.

    Stilistisch ist Alpen etwas auffälliger als sein vor allem auf den Plot fixierter Vorgänger. Lanthimos bricht die satirische Grundhaltung des Films immer wieder mit zarten, allem Sarkasmus entledigten Bildern – so zum Beispiel, wenn zwei verliebte alte Menschen selig lächelnd im Bett liegen oder wenn die Pflegerin sich wunderbar unsicher einem jungen Mann nähert. Zwischendurch wird das Bild gelegentlich körnig wie bei altem Videomaterial oder die ganze Leinwand ist auf einmal von farbigem Licht erfüllt, weil Kameramann Christos Voudouris die Rücklichter eines Wagens durch die regennasse Frontscheibe eines zweiten Autos filmt und die reflektierten Strahlen dadurch verzerrt.

    Den von André Bazin propagierten und von Orson Welles meisterhaft praktizierten Verlagerungen der Tiefenschärfe verweigert sich Lanthimos ebenso wie jeglicher extradiegetischer Musik. Letzteres lässt die handlungsimmanenten Lieder umso stärker wirken. Besonders irritierend erscheint zunächst die gezielt ausdruckslose Spielweise der Darsteller und das gekünstelte Aufsagen, ja Deklamieren der Dialoge. Tatsächlich aber unterstützt dieser Verfremdungseffekt nicht nur den bizarren Humor des Films, sondern auch seine surrealistische Entfernung von der Lebenswirklichkeit.

    Nicht zuletzt schafft Lanthimos mit seiner Geschichte über die schauspielerische Repräsentation von Menschen und Momenten eine kluge Metapher über das Wesen des Films. Um uns abzulenken, um vor der Außenwelt zu fliehen, legen wir im Kinosaal alle Glaubwürdigkeitsbedenken ab (suspension of disbelief) und nehmen problemlos hin, dass eine Person vorgibt, jemand anderes zu sein, der sie ganz offensichtlich nicht ist. Diese Akzeptanz eines nackten Schwindels gelingt nur aufgrund unseres intensiven Verlangens nach Trost angesichts der Zumutungen des Alltags. Diese Flucht des Kinopublikums in die Irrealität ist analog zur Verdrängungsleistung der Trauernden in Alpen, die sich von den Gruppenmitgliedern die schöne Illusion vorgaukeln lassen, dass der Betrauerte noch lebt.

    Lanthimos' Alpen erreicht zwar nie die Brillanz von Dogtooth. Das liegt jedoch deutlich mehr an der Genialität des letzteren Films als an etwaigen Schwächen des ersteren. Denn auch Alpen vollbringt etwas, was man nur von den allerwenigsten Filmen behaupten kann: Er bleibt über die gesamte Spielzeit nahezu unvergleichbar, vollkommen singulär.

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    Martin Gobbin
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  • Berlinale 2012 - Keyhole

    Keyhole
    Guy Maddin

    Kanada, 2011
    6/10 Punkte
    IMDB: Keyhole
    Trailer zum Film unter der Kritik

    Kurz & Knapp:
    Nach vier langen Jahren ist endlich wieder ein neuer Film von Guy Maddin zu sehen. In Keyhole verwendet der idiosynkratische Kanadier erstmals digitale Bilder anstelle von altem körnigem Zelluloid. Doch das bleibt nicht die einzige Enttäuschung.

    Schon in My Winnipeg, Guy Maddins letztem Spielfilm aus dem Jahr 2007, ging es um das Thema Heimat. Keyhole verengt den Blick nun von einer Stadt auf ein Haus: Der Film ist das Portrait eines Hauses – und wie so oft bei Guy Maddin entstammt vieles darin der Autobiographie des Regisseurs.
    In dem Haus haben sich Erinnerungen in Form von Geistern manifestiert. Alphatier Ulysses und seine Gangsterbande verschanzen sich auf der Flucht vor der Polizei in dem seit langem leer stehenden Gebäude – statt von der Staatsmacht werden sie von den eigenen Dämonen und den Geistern des Hauses überwältigt.

    In den meisten Filmen Maddins war die Form dem Inhalt gleichgestellt oder gar übergeordnet – da schadete es nicht weiter, wenn sich einige narrative Unebenheiten einschlichen. Keyhole aber ist stilistisch geradezu brav für Maddins Verhältnisse, das Experimentalfilmartige rückt merklich hinter den Plot – und da ist es dann schon problematisch, dass eben jener Plot reichlich konfus ist und den Zuschauer frustrierenderweise weitgehend aussperrt. Auch der literarische Hintergrund des Ulysses-Sujets hilft bei der Dekodierung des Geschehens nur sehr begrenzt weiter.

    Verglichen mit den vorherigen Filmen Maddins mangelt es selbst an den sonst so wunderbar kuriosen Drehbuch-Einfällen. Lediglich ein per Fahrrad betriebener elektrischer Stuhl, ein frühes Email-System und ein an das Bett seiner Tochter gefesselter Vater erinnern an die grotesken non-sequiturs aus The Saddest Music in the World oder Careful. Auch die sonst bei Maddin durchaus tiefgründige psychologische Dimension bleibt in Keyhole erstaunlich flach.

    Der unfokussierte Plot und die stilistischen Konventionsbrüche halten zwar auch Keyhole in weiter Ferne von einem irgendwie kommerziell verwertbaren Endprodukt – allerdings hat Maddin doch einige Konzessionen an das zeitgenössische Filmschaffen und die Sehgewohnheiten des dadurch konditionierten Zuschauers gemacht. Der Schnitt ist für einen Maddin-Film in großen Teilen vergleichsweise ruhig, Unschärfen entfallen als Stilmittel fast komplett und wackelige Zwischentitel gibt es auch nicht mehr. Der größte Affront für 8mm- und 16mm-Puristen aber ist der erstmalige Einsatz einer Digitalkamera, die allzu glatte Bilder liefert und Keyhole damit weiter von der Ästhetik des Stummfilms wegrückt als es in jedem anderen Maddin-Film der letzten 10 Jahre der Fall war.

    Stimmig sind das imposante Sound-Design und die atmosphärische Lichtsetzung, auch wird der Film in der zweiten Hälfte spürbar stärker. Und doch hinterlässt Keyhole ein Gefühl der Enttäuschung, ja eine Art nostalgisches Sehnen, das Maddin mit seinen hommageartigen Parodien bzw. parodistischen Hommagen an die Ära des Stummfilms sonst selbst erzeugt und bedient hat. Man wünscht sich den „guten alten“ Maddin zurück, den Magier aus Brand upon the Brain, der schon mit dem ersten Bild einen solchen Zauber erschuf, dass man sich nicht mehr im Kinosaal, sondern in dem schauermärchenhaften Leuchtturm-Waisenhaus auf einer einsamen Insel wähnte.
    Keyhole brennt sich zu keinem Zeitpunkt auf vergleichbare Weise ins Gehirn.

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    Martin Gobbin
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  • Best of 2011 - Plätze 1-10

    Ein Jahr geht vorbei - wie schon 2010 ist es damit Zeit für eine Liste!
    Eine Liste der 20 besten Filme, die im Jahr 2011 in deutschen Kinos, auf Festivals oder auf DVD-Neuerscheinungen zu sehen waren.
    Solche Listen sind nicht nur naturgemäß äußerst subjektiv, sondern weisen zudem den Mangel auf, dass der Listen-Ersteller nie alles gesehen haben kann, was es in einem Film-Jahr zu sehen gab (gerade Guy Maddins Keyhole, Giorgos Lanthimos' Alps und Michel Hazanavicius' The Artist hätten vermutlich gute Chancen, die Top 20 nochmal zu verändern). Diese Liste erhebt daher keinen Anspruch auf Komplettheit, sondern soll viel mehr einige Filme empfehlen, die ansonsten eher wenig Aufmerksamkeit erhalten (nur acht Filme aus meinen Top 20 - und nur drei aus den Top 10 - bekamen hierzulande einen regulären Kinostart).

    Hier folgen nun die Plätze 1-10.
    Die Ränge 11-20 finden sich im vorherigen Beitrag.

    Allen Lesern ein frohes neues Jahr mit vielen guten - alten und neuen - Filmen!!!

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    1. Medianeras (Gustavo Taretto, Argentinien, 2011) --- Trailer --- Meine Kritiken auf Critic und F.LM
    Beginnend mit einer großartigen Collage über die psychologische Wirkung von Architektur, untersucht diese argentinische Tragikomödie die urbane Einsamkeit im Zeitalter des Internets sowie die Macht von Schicksal und Zufall im Leben zweier junger Stadtmenschen. Der Film erzählt von Depressionen, Angst und Trauer – und ist enorm amüsant, er erzählt von der Liebe – und findet zutiefst berührende Bilder für den Mangel daran. Medianeras ist stilistisch verspielt, klug und zugleich unterhaltsam, ein kleiner ganz großer Film. Ein Film über die Mauern zwischen uns und warum es hilft, Fenster in sie einzubauen.

    2. The Beast Pageant (Albert Birney & Jon Moses, USA, 2010) --- Trailer --- Meine Kritik auf Blogville
    Abraham hat eine Maschine, die ihn rundum versorgt, ihn füttert, untersucht, beschenkt und liebt. Abraham hält diese Maschine nicht mehr aus. Doch nachdem er sie zerstört hat, verselbständigt sie sich und verfolgt ihn in Form einer Kugel, unterstützt von animistischen Baumwesen und einem Hammer-Verkäufer. Alles klar?! The Beast Pageant ist ein absolutes Unikat, ein unverwechselbares Original, ein schwarz-weißes, technologiekritisches, extrem experimentelles Musical auf wunderbar körnigem 16mm-Material. Ein no-budget-Feuerwerk voller grotesker Plot-Elemente und spielfreudiger Effekte, ein Triumph künstlerischer Leidenschaft und Kreativität angesichts des finanziellen Mangels.

    3. Gandu (Q/Kaushik Mukherjee, Indien, 2010) --- Trailer --- Meine Kritiken auf F.LM und Critic sowie im Booklet dieser DVD
    Je nach Übersetzung des indischen Titels ist der junge Gandu aus Kalkutta ein „Arschloch“, „Wichser“ oder „Loser“. Wir sehen, wie er seine Mutter beim außerehelichen Sex beobachtet, wie er Pornos schaut und dazu masturbiert, und auch wie er mit allen nur erdenklichen Schimpfwörtern um sich schmeißt. Ja, Regisseur Q will mit seinem Beitrag zum Extreme Cinema provozieren – was er jedoch vor allem erreicht, ist Begeisterung. Das beginnt beim schier unerschöpflichen Arsenal formaler Konventionsbrüche (Split Screens, Credits 20 Minuten vor Ende, in das Bild integrierte Untertitel, rückwärts abgespielte Szenen), führt weiter über die wütenden Rap-Performances des von Triebstau geplagten Protagonisten sowie die Visualisierungen seiner Fantasien und Drogentrips, und endet mit einer enorm erotischen Szene, während der die zuvor schwarz-weißen Bilder plötzlich farbig werden.

    4. The Solitude of Prime Numbers (OT: La solitudine dei numeri primi, Saverio Costanzo, Italien, 2010) --- Trailer --- Meine Kritik auf F.LM
    Er schneidet sich die Arme auf, sie ist magersüchtig – er hat den Tod seiner Schwester verursacht, sie ist von einem psychologischen Trauma auch physisch lebenslang gezeichnet. Mattia und Alice, zwei menschliche Primzahlen, finden in dieser Adaptation des gleichnamigen italienischen Bestsellers langsam, sehr langsam zu einer Gemeinschaft der Leidenden. Mit einer brillanten 30-minütigen Parallel-Montage, surrealen Bildern und dem stilsicheren Einsatz von Musik stellt Saverio Costanzo die Kindheit nicht als eine Zeit des Glücks, sondern des Schreckens dar. Und als es scheint, als würde ein simples Happy End das erlittene seelische Elend übertünchen und marginalisieren und damit die Qualität des Films zugunsten des Wohlfühlfaktors mindern, da zaubert dieses ebenso fesselnde wie berührende Drama ein ganz leises, elegantes Understatement von einem Finale hervor.

    5. Nader und Simin - Eine Trennung (OT: Jodaeiye Nader az Simin, Asghar Farhadi, Iran, 2011) --- Trailer --- Meine Kritik auf F.LM
    Rein künstlerisch betrachtet gab es in diesem Jahr zweifellos weitaus stärkere Filme als den iranischen Berlinale-Gewinner über einen Familienvater, der eine Haushälterin für die Pflege seines alten Vaters engagiert und diesen eines Tages ans Bett gefesselt findet. Wenn es aber 2011 ein Werk gab, das erzählerisch und moralisch komplexer war als Nader und Simin, dann habe ich es nicht gesehen. Asghar Farhadi untersucht nicht nur eine Verkettung unglücklicher Umstände aus rechtlicher, ethischer, religiöser und genderpolitischer Sicht, sondern er zeichnet zugleich das Portrait einer gespaltenen Gesellschaft. Dass eine Antwort auf die zentrale Frage des Films, die nach der Schuld, immer weiter in die Ferne rückt, weil die zunächst scheinbar klaren Verhältnisse immer uneindeutiger werden, zeugt von einem überaus raffinierten und klugen Drehbuch, das auf Multiperspektivität und Ambivalenz setzt statt auf eine bestimmte Position, die notwendigerweise eine Reduktion und Simplifizierung der sozialen Realität bedeuten müsste.

    6. Blue Bird (Gust van den Berghe, Belgien/Frankreich, 2011) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Bereits im letzten Jahr hatte es Gust van den Berghe mit seinem visuell brillanten, von Schauspielern mit Down-Syndrom getragenen, religionskritischen Experimentalfilm Little Baby Jesus of Flandr in die hiesigen Top 20 geschafft. In Blue Bird, dem wiederum nach Cannes eingeladenen Zweitfilm des 26-jährigen Belgiers, wird nun mit ständigem Blau-Filter-Einsatz und dem mir zuvor unbekannten „Über-Scope“-Format (3,5:1) das gleichnamige Märchen von Maurice Maeterlinck adaptiert. In erster Linie ist der Film ein erneuter Beweis für das Bildkompositions-Talent des aus den Bildenden Künsten stammenden Regisseurs – zugleich aber taucht Blue Bird mit magischem Realismus in eine verzauberte Märchen- und Kinderwelt ein. Dass der Film überdies die gleiche Tiefe wie die literarische Vorlage erreicht und trockenen, bisweilen auch makabren Humor einfließen lässt, bestätigt van den Berghe als eine der großen Hoffnungen des europäischen Kunst- und Experimentalfilms.

    7. Shit Year (Cam Archer, USA, 2010) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    „My whole heart is in pining.“ So fasst Colleen West ihren Gemütszustand zusammen – die Schauspielerin hat ein, der Titel verrät es bereits, ziemlich beschissenes Jahr hinter sich. Das Karriereende hat sie in eine Sinnkrise gestürzt, das Ende einer Affäre mit dem jungen Harvey verstärkt ihre Depression nur noch. Shit Year erzählt von nicht viel mehr als der inneren Leere einer gealterten Diva – doch der Film tut dies auf eine insbesondere visuell brillante Weise, die den Plot (gewürzt mit einigen der sarkastischsten Dialoge des gesamten Filmjahres) immer mehr in den Hintergrund treten lässt. Stattdessen rückt die formale Ebene ins Zentrum – das kontrastreich-elegante Schwarz-Weiß, das Spiel mit Licht und Wasser sowie die Inszenierung eines white cube als Fantasiewelt, in die Colleen wiederholt flüchtet. Mit nur 28 Jahren ist Cam Archer ein ästhetisch extrem stringentes Werk gelungen, das optisch verzaubert und narrativ berührt.

    8. Vampire (Shunji Iwai, USA/Japan, 2011) --- Trailer --- Meine Kritik auf F.LM
    Schien das Böse zu Zeiten von The Ring noch aus dem Fernsehen zu kommen, so haben sich die kollektiven Ängste mittlerweile auf das Internet verschoben. Bedauerlicher als diese Technikskepsis ist allerdings die Entsexualisierung des Vampirs durch die jungfräulichen Twilight-Filme. Shunji Iwais leises, mit subtilem Humor durchzogenes Drama rehabilitiert die Figur des Vampirs, indem er sie realistisch umdeutet und in die Welt der Naturgesetze zurück führt. Der Titel-gebende Vampir ist ein Mensch, ein etwas verklemmter High-School-Lehrer mit einer kulinarischen Vorliebe für Blut. Gewalt verabscheut er jedoch und so besorgt er sich das Blut, indem er online nach Suizidkandidaten sucht, diesen durchaus liebevoll assistiert und ihnen anschließend per Drainage den Lebenssaft entnimmt. Iwai hat mit Vampire nicht nur einen atmosphärisch starken Film geschaffen, sondern vor allem einen sehr ästhetischen, der neben den betörenden Landschaften der amerikanischen Westküste einige sehr poetische visuelle Ideen bietet.

    9. Black Blood (Zhang Miaoyan, China/Frankreich, 2011) --- Trailer --- Meine Kritik auf Blogville
    China ist das Boom-Land schlechthin – architektonische Wunderwerke schießen im Wochentakt in die Höhe, ausländische Firmen streben zuhauf in den dortigen Markt und neureiche Chinesen sedieren sich mit obszöner Opulenz gegen die fortwährende politische Repression. Doch China ist auch das Land von 800 Millionen Bauern, die am Existenzminimum leben und vom Aufschwung vergessen wurden. Xiaolin und Xiaojuan wohnen im Westen Chinas, weit weg von der florierenden Ostküste. Die Beiden lassen sich regelmäßig Blut abnehmen, um ihrer Tochter ein angenehmes Leben finanzieren zu können – dann aber erkranken sie durch die unhygienischen Zustände beim Bluttransfer an HIV, einer in China recht weit verbreiteten, von der Regierung zumeist totgeschwiegenen Krankheit. Regisseur Zhang Miaoyan findet einen einfachen, aber überraschenden Weg, das physische Leid der Protagonisten auf den Zuschauer zu übertragen, konterkariert den ökonomischen Fortschritt mit zynischem Musik-Einsatz und spielt hochsymbolisch mit vereinzelten farbigen Bildern innerhalb dieses schwarz-weißen Films. Black Blood mag ein fiktiver Film sein – und doch ist seine Verbindung zur sozialen Realität Chinas so stark, dass er immer wieder an das regierungskritische New Documentary Movement erinnert.

    10. Araneum (Mihajlo Obrenov, Serbien, 2010) --- Trailer
    Ob die Behauptung stimmt, dass die Produktion dieser post-apokalyptischen Mixtur aus Horror- und Experimentalfilm insgesamt nur 20 Euro gekostet habe, lässt sich schwer verifizieren. Klar aber ist, dass dieser ganz untypisch reduzierte, ja minimalistische Horrorfilm über ein sehr geringes Budget verfügt hat, diesen Mangel aber so geschickt kaschiert, dass er die bekannteren Werke des jungen serbischen Filmbooms deutlich überragt. Denn während A Serbian Film und The Life and Death of a Porno Gang versuchen, den Zuschauer in eine Schockstarre zu foltern, vertraut Araneum eben gerade nicht auf Gewalt, Sadismus und kalkulierte Skandalwerte, sondern auf etwas, das im jüngeren Genre-Film inmitten all der Torturszenarien kaum noch zu finden ist: Atmosphäre. Grusel statt Horror. Araneum spielt in einem desolaten Plattenbau, den die wenigen noch lebenden Bewohner nicht verlassen können, da draußen nach einer nicht näher benannten Katastrophe eine verseuchte Umwelt und – schlimmer noch – marodierende Überlebende drohen. Nach dem Kollaps der Gesellschaft haben die Blockbewohner sich in familienartigen Verbänden zusammen geschlossen, um eine Art Normalität aufrecht zu erhalten. Diesen bedrückenden Alltag filmt Mihajlo Obrenov im Verité-Stil mit einer wackligen Handkamera und unter überwiegendem Verzicht auf nicht-diegetische Lichtquellen. Das Resultat ist ein düsterer, atmosphärisch beklemmender und zugleich visuell faszinierender Post-Apokalypse-Film.

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  • Best of 2011 - Plätze 11-20

    Ein Jahr geht vorbei - wie schon 2010 ist es damit Zeit für eine Liste!
    Eine Liste der 20 besten Filme, die im Jahr 2011 in deutschen Kinos, auf Festivals oder auf DVD-Neuerscheinungen zu sehen waren.
    Solche Listen sind nicht nur naturgemäß äußerst subjektiv, sondern weisen zudem den Mangel auf, dass der Listen-Ersteller nie alles gesehen haben kann, was es in einem Film-Jahr zu sehen gab (gerade Guy Maddins Keyhole, Giorgos Lanthimos' Alps und Michel Hazanavicius' The Artist hätten vermutlich gute Chancen, die Top 20 nochmal zu verändern). Diese Liste erhebt daher keinen Anspruch auf Komplettheit, sondern soll viel mehr einige Filme empfehlen, die ansonsten eher wenig Aufmerksamkeit erhalten (nur acht Filme aus meinen Top 20 bekamen hierzulande einen regulären Kinostart).

    Heute gibt`s die Plätze 11-20. Die Top 10 folgen in Kürze.

    Allen Lesern ein frohes neues Jahr mit vielen guten - alten und neuen - Filmen!!!

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    11. Rubber (Quentin Dupieux, Frankreich/USA, 2010) --- Trailer --- Meine Kritik auf F.LM
    "Robert the Rubber" ist ein Reifen, ein Killerreifen. Muss man sich einer so dämlichen Idee wirklich aussetzen, nur weil irgendein Elektromusiker (in diesem Fall Mr. Oizo) meint, nun auch noch Filme machen zu müssen?! Diese Frage spiegelt ungefähr meine ursprüngliche Einstellung zu diesem Film wider. Nachdem ich mich trotz meiner eher geringen Toleranz gegenüber Horror-Trash überzeugen ließ, Rubber anzuschauen, kann ich diese Frage nur mit einem emphatischen „Ja, muss man unbedingt!“ beantworten. Nach Daft Punks Electroma ist auch dieser Film ein gelungenes Beispiel für cross-mediale Talente von Musikern. Rubber ist so ziemlich das Intelligenteste, mit dem man 2011 im Genre-Kino konfrontiert wurde – denn neben den herrlich absurden Attacken des mörderischen Reifens geht es Regisseur Quentin Dupieux vor allem um eine Analyse der Komplizen-Rolle des Zuschauers, des kinematographischen Voyeurs, der sich im Dunklen versteckt und heimlich Intimes beobachtet. Dass dieser Meta-Film ebenso klug wie amüsant ist und sich am Ende zu einem Anti-Hollywood-Pamphlet entwickelt, macht Rubber zu einem wahren 'Renner'.

    12. The Tree of Life (Terrence Malick, USA, 2011) --- Trailer --- Meine Kritik auf F.LM
    Was soll man noch sagen über einen Film, der bereits vor seiner Veröffentlichung als Meisterwerk oder gar als revolutionärer Meilenstein der Filmgeschichte gehandelt wurde und dann fast schon erwartungsgemäß das weltweit wichtigste Festival gewann? Malicks jüngste Arbeit ist überladen, überambitioniert, esoterisch und ziemlich nachlässig in der Verbindung von Plot, Bild und Subtext. Nur: Wenn man Film als primär visuelle statt narrative Kunst zu begreifen bereit ist, dann kann man losgelöst von der erzählerischen Ebene staunend im Kino sitzen und in grandiosen Bildern schwelgen, die es trotz ihres extrem experimentellen Charakters bis in die Multiplexe geschafft haben. Stilistisch ist The Tree of Life überwältigend – und was erzählerisch und rational nicht immer zu funktionieren scheint, wird unter Malicks sicherer, intuitiver Regieführung zu einem sinnlichen und atmosphärischen Erlebnis. Und schließlich ist der Film natürlich auch ein bewundernswert perfider Marketing-Trick, wenn dem Mainstream verhaftete Zuschauer durch den hohen Glamour-Faktor (Brad Pitt und Sean Penn) unter falschen Vorwänden in einen Experimentalfilm gelockt werden, um danach wutentbrannt oder geflasht aus dem Saal zu treten.

    13. Without (Mark Jackson, USA, 2011) --- Trailer
    Mark Jacksons unscheinbares, zurückhaltendes Drama Without ist amerikanisches Independent-Kino par excellence: Einfach und reduziert, etwas spröde, am Ende berührend und über eine individuelle Geschichte die Gesellschaft, das große Ganze reflektierend. Without lief auf dem Slamdance-Festival, einer Alternativ-Veranstaltung zum ehemals selbst alternativen Sundance-Festival. Wie in Kelly Reichardts grandiosem Film Wendy and Lucy geht es auch in Without um eine junge Einzelgängerin, die weit entfernt von zu Hause, vor allem aber in sich zurückgezogen und auf der Suche nach der eigenen Identität ist. Joslyn begibt sich auf eine entlegene Insel im Nordwesten der USA, um einen alten kranken Mann zu pflegen, während dessen Familie in den Urlaub fährt. Abgesehen von vereinzelten Mystery-Elementen ist Without ein schlichtes, aber fein beobachtendes Portrait einer jungen Frau, die eine schwere Last mit sich trägt und das Leiden daran zu lange in sich aufgestaut hat.

    14. The Ditch (OT: Jiabiangou, Wang Bing, China/HongKong/Frankreich, 2010) --- Trailer
    Wang Bing ist einer der bekanntesten und ästhetisch radikalsten Vertreter des chinesischen New Documentary Movement, das politische Missstände dokumentiert und erstaunlich direkte Kritik übt. The Ditch, Wangs erster Langspielfilm, sorgte 2010 für Furore, als er unangekündigt beim Festival von Venedig uraufgeführt wurde ohne dass der chinesische Staatsapparat vorher davon gewusst hätte. The Ditch rekonstruiert auf quasi-dokumentarische Weise das chinesische Arbeitslagersystem unter Mao Zedong - ein Thema, das nach wie vor als Tabu gilt und deshalb gesellschaftlich bisher kaum aufgearbeitet wurde. Mancher Zuschauer wird sich fragen, ob man sich wirklich ansehen muss, wie ein Häftling gierig das Erbrochene eines Mitgefangenen hinunter schlingt – da es sich jedoch bei den dargestellten Zuständen um historisch verbürgte Tatsachen handelt, erscheint es geradezu als Pflicht, sich dieser grausigen Realität zu stellen, statt sie aus ästhetischem Widerwillen zu verdrängen. Je drastischer die Gräuel einer Tyrannei gezeigt werden, desto deutlicher fällt die Warnung vor einem Rückfall in die Despotie aus.

    15. Another Earth (Mike Cahill, USA, 2011) --- Trailer
    2011 wimmelte es – vielleicht wegen der Nähe zum ominösen Schicksalsjahr 2012 – nur so vor apokalyptischen Filmen. Mike Cahills Drama Another Earth steht dabei der wohl bekanntesten Endzeit-Vision des Jahres, Lars von Triers Melancholia, am nächsten. Auch in Another Earth ist eine zweite Erde am Firmament zu sehen – und auch Another Earth nutzt sein Untergangsszenario primär für eine Erkundung zwischenmenschlicher Beziehungen und psychologischer Zustände, statt sich auf das Spektakel des Weltenendes zu konzentrieren. Letztlich geht es in Cahills Film um Schuld und Sühne einer jungen Frau, die durch einen von ihr verursachten Verkehrsunfall zwei Menschen tötet und das Leben des hinterbliebenen Familienvaters zerstört. Doch wie jeder gute Science-Fiction-Film findet Another Earth zusätzlich noch zu einem philosophischen Nachdenken über die irdische Existenz.

    16. Le petit poucet (Marina de Van, Frankreich, 2010) --- Auszug
    Marina de Van ist zurück – mit einem ganz anderen Thema als in ihren bisherigen Filmen, die sich vor allem um Körperstörungen gedreht hatten (gelungen im Fall von Dans ma peau, ziemlich misslungen im Fall von Ne te retourne pas). Le petit poucet ist ein Märchenfilm für Erwachsene, ein Film, der die unterschwelligen Horror-Elemente aus der Märchenwelt extrahiert und sie zu einer Melange aus Hänsel und Gretel, König Blaubart und Die Schöne und das Biest verrührt. Vor allem dank eines großartig aufgelegten Denis Lavant, der einen Menschen-fressenden Oger mit großer mimischer und körperlicher Hingabe spielt (und damit an seine Rolle aus Tokyo! erinnert), wird der Schauermärchen-Plot durch eine großzügige Portion Humor ergänzt.

    17. 3 (Tom Tykwer, Deutschland, 2010) --- Trailer
    Tom Tykwers Nachdenken über Bisexualität und unkonventionelle Beziehungsformen beginnt mit einem großartigen Prolog. Aus einem fahrenden Zug heraus filmt die Kamera Stromleitungen, isoliert diese und lässt alles andere verschwinden. Durch die Geschwindigkeit der Bahn entsteht hier ein faszinierendes Bewegungsspiel, das optisch fast in die Abstraktion übergeht, vor allem aber eine schöne Metapher für die Offenheit des Lebens, die endlosen Möglichkeiten und Verzweigungen des individuellen Schicksals darstellt. Hanna und Simon, ein gut situiertes Paar um die 40, verlieben sich beide in den selben Mann, den nahezu vollkommenen Adam, der in seiner Perfektion wie eine Projektion des eigenen Wunschdenkens wirkt. 3 ist klug und humorvoll – und wird von einer brillanten Sophie Rois getragen.

    18. Policeman (OT: Ha-shoter, Nadav Lapid, Israel, 2011) --- Trailer
    Ein Terroranschlag in Israel: Während der Hochzeit zweier Sprösslinge aus reichen Industriellen-Familien findet eine Geiselnahme statt, die Terroristen wollen kein Geld, sondern eine Veränderung der israelischen Sozial- und Außenpolitik. Sondereinsatzkräfte stürmen das Gebäude und erschießen die Täter. Als sie die Leichen umdrehen, stellen sie fest: Die Angreifer waren Israelis, Juden – und nicht, wie erwartet, anti-semitische Islamisten. Mit seiner Studie über die entfremdete Generation der studentischen Mittzwanziger gelingt Nadav Lapid ein packendes Portrait der gesellschaftlichen Widersprüche in Israel, das die größten Einkommensunterschiede der westlichen Welt aufweist und das palästinensische Volk wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Policeman lässt zwei miteinander inkompatible Bestandteile der israelischen Gesellschaft, das unkritisch nationalistische Establishment und die linke Jugendbewegung, aufeinander prallen. Gerade weil der Film die politischen Zustände in Israel von innen heraus anklagt – und in diesem friendly fire seinen Protagonisten gleicht – wirkt die Kritik umso glaubwürdiger.

    19. A rational Solution (OT: Det enda rationella, Jörgen Bergmark, Schweden, 2009) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Was sein Landsmann Lukas Moodysson mit der wunderbaren Komödie Together thematisiert hatte, dem widmet sich Jörgen Bergmark nun aus dezidiert ernsthafter Perspektive in seinem ebenso starken Drama A rational Solution. In den Ehen von Erland und Maj einerseits sowie Sven-Erik und Karin andererseits ist das Feuer über die Jahre hinweg erloschen, man lebt im Gewohnheitstrott neben einander her. Dann aber verliebt sich Erland in Karin, die Frau seines besten Freundes, und die Beiden beginnen eine Affäre, die bald aufgedeckt wird. Statt sich nun aber entweder für die über Jahre gewachsene Liebe zu seiner Frau oder für die Leidenschaft mit seiner Geliebten zu entscheiden, will Erland beides: Den Kuchen essen und ihn behalten. Er schlägt ein kommunenartiges Experiment vor, bei dem alle vier Beteiligten in offenen Beziehungen unter einem Dach leben sollen. Die Größe dieses Films besteht nun darin, mit welcher Präzision Bergmark die menschliche Hybris seziert, mittels der Vernunft die Gefühle beherrschen zu wollen. Eben jene (schwache) Vernunft erweist sich wieder einmal als Sklave der Emotionen.

    20. Perfect Sense (David Mackenzie, Großbritannien, 2011) --- Trailer --- Meine Kritik auf Critic
    Nach Araneum und Another Earth ist David Mackenzies Liebesdrama Perfect Sense bereits der dritte Apokalypsefilm dieser Jahresliste. In Perfect Sense bricht eine Epidemie über die Menschheit herein, die sukzessive alle Sinne zerstört – beginnend mit dem Riechen und aufhörend mit dem Tasten. Neben einigen schönen visuellen Ideen – so zum Beispiel einer grandiosen Verbildlichung der Verschmelzung als Liebesideal – fasziniert an Perfect Sense vor allem, dass der Film diesen Sinnesverlust in seine Form integriert. Erst erstarrt die Tonspur in Schweigen und dann erlischt auch noch das Licht auf der Leinwand. Dass in der Filmkunst – die ja vor allem vom Sehen und Hören abhängig ist – ausgerechnet der Tastsinn zum wichtigsten menschlichen Sinn erklärt wird, überrascht zunächst, doch die Begründung Mackenzies makes perfect sense.

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    Martin Gobbin
    www.f-lm.de/author/martin/
    www.critic.de/redaktion/martin-gobbin/
    www.imdb.com/mymovies/list?l=39827885

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